Wir haben in den vergangenen Jahren eine dreistellige Zahl von Wertpapier-Depots von Vermögensverwaltern, Banken, Sparkassen und Privatanlegern begutachtet.
Unsere Erkenntnis: 9 von 10 Wertpapier-Depots sind steuerlich nicht optimal konstruiert.
Konkret: Viele Anleger zahlen unnötige und zu hohe Steuern auf Kapitalerträge. Über die Jahre kann dabei ein sechsstelliger finanzieller Schaden entstehen.
Steuern gelten bei der Geldanlage oft als lästiges, aber unvermeidbares Thema. Genau hier liegt ein grundlegendes Missverständnis. Denn bei langfristigem Vermögensaufbau ist nicht nur entscheidend, wie viel Steuern gezahlt werden, sondern auch wann diese Steuern gezahlt werden.
Der Zeitpunkt der Besteuerung hat erheblichen Einfluss auf den Vermögenszuwachs. Faustformel: Die Besteuerung von Kapitalerträgen sollte möglichst spät erfolgen. Dadurch können die noch nicht bezahlten Steuern weiter für uns arbeiten.
In der Praxis sehen immer wieder die folgenden zwei gravierenden Steuerfehler:
1) Kapitalerträge werden ausgeschüttet und nicht angesammelt („thesauriert“).
2) Anstatt Fonds oder ETFs werden Einzelaktien und Einzelanleihen gekauft, die steuerlich benachteiligt sind.
Warum die steuerliche Struktur von Depots so häufig unterschätzt wird
In der Praxis zeigt sich immer wieder ein auffälliges Muster: Finanzberater und Vermögensverwalter beschäftigen sich intensiv mit Finanzprodukten und Marktentwicklungen, aber kaum mit der steuerlichen Mechanik von Wertpapieren. Steuern gelten als gegeben, als fixer Rahmen, der sich ohnehin nicht verändern lässt.
Dabei wird übersehen, dass nicht die Steuer an sich das Problem ist, sondern ihre Einbettung in den Anlageprozess. Die steuerliche Struktur entscheidet darüber, wie lange Kapital tatsächlich investiert bleibt und ob Erträge dauerhaft für den Vermögensaufbau arbeiten können oder frühzeitig (als Kapitalertragsteuern) entzogen werden.
Diese Perspektive fehlt häufig. Oft, weil das steuerliche Wissen fehlt. Oder weil es unspektakulär erscheint. Steuervermeidung und Steuerstundung erzeugen keine sichtbaren Erfolge, keine regelmäßigen Geldeingänge und keine kurzfristige Bestätigung. Ihr Effekt entfaltet sich leise, über Zeit. Gerade deshalb wird sie selten aktiv gestaltet, obwohl sie einen der größten Hebel im langfristigen Vermögensaufbau darstellt.
Ausschüttungen wirken solide – sind steuerlich aber teuer und meistens unnötig
Wer regelmäßige Ausschüttungen (Zinsen und Dividenden) aus seinem Depot erhält, hat meist das Gefühl, alles richtig zu machen. Das Depot liefert regelmäßig Geld aufs Konto. Wer mag das nicht?
Steuerlich sind regelmäßige Ausschüttungen jedoch unnötig teuer. Vor allem dann, wenn man finanziell nicht auf die Ausschüttungen angewiesen ist. Meistens wird das Geld dann wieder in das Depot investiert. Nachdem es einen teuren Umweg über das Finanzamt gemacht hat.
Kapitalerträge und Steuern: Der nüchterne Ausgangspunkt
Zinsen und Dividenden werden in Deutschland grundsätzlich zum Zeitpunkt des Zuflusses besteuert. Auf Kapitalerträge fallen 25 % Abgeltungsteuer, 5,5 % Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer an.
Ob das Geld anschließend ausgegeben, auf dem Konto liegen gelassen oder direkt wieder investiert wird, spielt steuerlich keine Rolle. Der Vorgang ist abgeschlossen. Die Steuer ist weg.
Genau an dieser Stelle beginnt das strukturelle Problem.
Ausschüttungen: sichtbar, bequem und steuerlich ineffizient
Bei Fonds und ETFs unterscheiden wir grundsätzlichen zwischen ausschüttenden Fonds und thesaurierenden Fonds.
Ausschüttende Fonds zahlen ihre Erträge regelmäßig aus. Diese Zahlungen wirken greifbar und vermitteln vielen Anlegern das Gefühl, dass ihr Depot aktiv Einkommen erzeugt und zuverlässig arbeitet.
Steuerlich bedeutet jede Ausschüttung jedoch, dass ein Teil des Vermögens aus dem Investitionsprozess herausgelöst wird. Ein Teil der Erträge fließt nicht zurück in den Vermögensaufbau, sondern dauerhaft an den Fiskus.
Selbst wenn die Ausschüttung unmittelbar wieder angelegt wird, geschieht dies nur noch mit dem Nettobetrag. Der Steueranteil ist unwiederbringlich verloren. Das ursprünglich investierte Kapital schrumpft still und dauerhaft.
Laufende Besteuerung als unterschätzter Renditekiller
Laufende Besteuerung erzeugt permanente Reibungsverluste beim Vermögensaufbau. Sie fällt meistens nicht deutlich auf, sie tut nicht weh und sie meldet sich nicht mit Warnsignalen. Genau deshalb wird sie häufig unterschätzt.
Gerade bei langfristig orientierten Anlegern summieren sich diese Abflüsse über viele Jahre zu erheblichen Beträgen.
Thesaurierende Fonds: Steuerstundung statt Steuerverzicht
Thesaurierende Fonds gehen einen anderen Weg. Erträge wie Zinsen oder Dividenden werden nicht ausgeschüttet, sondern verbleiben im Fonds und werden automatisch wieder angelegt.
Für den Anleger bedeutet das keinen laufenden Mittelzufluss, keine fortlaufende Besteuerung jeder einzelnen Ertragskomponente und ein dauerhaft höher investiertes Kapital.
Wichtig: Seit der Investmentsteuerreform im Jahr 2018 unterliegen thesaurierende Fonds der sogenannten Vorabpauschale. Sie stellt sicher, dass eine moderate Besteuerung erfolgt, auch wenn keine Ausschüttungen stattfinden. Diese Besteuerung ist pauschal, gedeckelt und in der Praxis häufig deutlich niedriger als die Steuerbelastung realer Ausschüttungen.
Der Effekt bei thesaurierenden Fonds ist eindeutig: Ein größerer Teil des Vermögens bleibt länger investiert und kann weiter arbeiten. Steuerstundung ist kein Kunstgriff, sondern ein mathematischer Vorteil.
Vermögensverwaltungen mit Einzelaktien und Einzelanleihen
Viele Vermögensverwalter setzen bei der Geldanlage auf einzelne Aktien und Anleihen. Man spricht hier von aktivem Management. Der vermeintliche Experte versucht dabei, aus den rund 12.000 Aktien, die es weltweit gibt, 50 bis 100 „Gewinneraktien“ herauszupicken, um den „Markt zu schlagen“.
Der 1, Haken an der Sache: Zunächst ist der Versuch, zuverlässig die Nadel im Heuhaufen zu finden, von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Dies ist schon lange wissenschaftlich unumstritten. Jeder aktive Manager kann natürlich mal richtig liegen (d. h. Glück haben), aber langfristig liegen fast alle aktiven Investoren unterhalb der Marktrendite, wenn man alle Kosten heranzieht. Oft deutlich.
Der 2. Haken: Die Methode, auf einzelne Aktien und Anleihen zu setzen, ist aber auch steuerlich unvorteilhaft. Denn Einzelwerte erwirtschaften zwangsläufig Kapitalerträge (Dividenden und Zinsen), die an die Anleger ausgeschüttet werden. Egal, ob Anleger diese Erträge brauchen oder nicht.
Die Ausschüttungen von Einzelwerten werden mit der vollen Kapitalertragsteuer belastet (25 % plus Soli). Zum Vergleich: Aktienfonds mit einer Aktienquote von über 51 % erhalten eine 30 %-ige Teilfreistellung (= 17,5 % plus Soli). Mischfonds mit einer Aktienquote von mindestens 25 % geniessen eine Teilfreistellung von 15 %.
Vergleichsrechnung: Besteuerung von 100.000 Euro Kapitalerträgen aus 100 % Aktien
- Einzelaktien: 26.375,00 Euro Steuern
- Ausschüttender Aktienfonds: 18.462,50 Euro Steuern
- Thesaurierender Aktienfonds: 3.270,00 Euro Steuern (im Jahr 2025, Anfangswert 1 Mio. Euro, Endwert 1,1 Mio. Euro, keine Ausschüttungen, nur Vorabpauschale)
Wer von Einzelaktien und Einzelanleihen auf thesaurierende Aktienfonds wechselt, kann seine Steuerbelastung somit in diesem Szenario über 23.000 Euro verringern. Genauer gesagt verschieben. Denn bei einem späteren Verkauf fällt die Steuer natürlich an. Das kann aber erste Jahrzehnte später passieren.
Warum Ausschüttungen trotzdem so beliebt sind
Die herkömmliche Finanzbranche hat zahlreiche Fonds und Finanzprodukte entwickelt, die ganz bewußt laufende Auszahlungen produzieren.
Ausschüttungen sprechen weniger den Verstand an als das Bauchgefühl. Geldeingänge erzeugen Sicherheit, Kontrolle und das beruhigende Gefühl, dass etwas passiert.
Viele Anleger verbinden Ausschüttungen mit Einkommen aus dem eigenen Vermögen, selbst dann, wenn dieses Einkommen objektiv nicht benötigt wird. Sichtbare Erträge wirken realer als steigende Depotstände, die lediglich auf dem Papier existieren.
Der regelmäßige Zahlungseingang wird als Erfolg interpretiert, unabhängig von den steuerlichen Konsequenzen. Genau darin liegt die Gefahr. Was sich gut anfühlt, ist nicht automatisch gut.
Man könnte es mit einem Obstbaum vergleichen, der jedes Jahr zu früh abgeerntet wird. Er trägt zuverlässig Früchte, erreicht aber nie sein volles Potenzial.
Warum dieses Modell so häufig empfohlen wird
Ausschüttungen sind leicht zu erklären. Sie sind anschaulich, greifbar und gut vermittelbar. Das macht sie in der Beratung beliebt.
Steuerliche Effekte sind dagegen abstrakt, langfristig und unbequem. Sie lassen sich schwer in kurzen Gesprächen darstellen und erzeugen keine unmittelbare emotionale Wirkung.
Das Ergebnis sind Depotstrukturen, die sich vernünftig anfühlen, aber strukturell Rendite verschenken. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Vereinfachung, Gewohnheit und Bequemlichkeit.
Liquiditätsbedarf lässt sich besser lösen
Häufig wird argumentiert, regelmäßige Ausschüttungen seien notwendig, um laufende Ausgaben zu decken. Tatsächlich ist Liquiditätsbedarf kein überzeugendes Argument für dauerhafte Ausschüttungen.
Wer Geld benötigt, kann gezielt Anteile verkaufen. Und zwar erst dann, wenn das Kapital benötigt wird. Denn Anteilsverkäufe sind planbar, flexibel und steuerlich steuerbar. Sie erlauben es, Liquidität genau dann und in genau der Höhe zu schaffen, in der sie gebraucht wird.
Ausschüttungen sind dagegen ein Automatismus – unabhängig vom tatsächlichen Bedarf und unabhängig von der steuerlichen Effizienz.
Fazit
Ausschüttungen sind kein Qualitätsmerkmal einer Geldanlage. Sie sind vor allem eines: steuerlich teuer.
Der langfristige Erfolg eines Depots hängt weniger von sichtbaren Erträgen ab als von der Struktur, in der Vermögen arbeiten kann. Vermögensaufbau entsteht nicht durch möglichst viele Geldeingänge, sondern durch möglichst lange investiertes Kapital. Die noch nicht gezahlten Steuern sind ein zinsloses Darlehen vom Staat, das wir möglichst lange nutzen sollten.
Thesaurierende Fonds erscheinen vielleicht unspektakulär. Sie sind aber wirksam. Und sehr lukrativ.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
