Mein Interview in DIE ZEIT: Warum Ruhe an den Märkten oft die klügste Entscheidung ist


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Veröffentlicht am 1. Februar 2026

Die vergangene Börsenwoche hatte es in sich. Zwei US-Tech-Riesen und der führende deutsche Technologiekonzern veröffentlichten ihre Quartalszahlen.

Meta (ehemals facebook) steigerte seinen Umsatz um 24 % und seinen Gewinn um 9 %. Die Aktie stieg danach um 7 %.

Microsoft steigerte seinen Umsatz um 17 % und seinen Nettogewinn um 60 %. Die Aktie fiel danach um 10 %.

Verkehrte Welt? Nicht unbedingt. Meta hatte eine positive Zukunftsprognose gegeben. Microsoft eine eher verhaltene.

In Deutschland fiel SAP, die wertvollste Aktiengesellschaft Deutschlands, nach enttäuschenden Ergebnissen um 15 %.

Zum Wochenschluss erlebte die Edelmetall-Rally (-Spekulation?) einen herben Rücksetzer. Der Goldpreis fiel um 10 % und Silber um 27 %. Für beide Edelmetalle waren dies die größten Tagesverluste in den vergangenen 25 Jahren.

Und jetzt?

Eines meiner Lieblingszitate, das sich auf viele Lebenssituationen anwenden lässt, stammt von dem französischen Philosophen Blaise Pascal:

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Kaum eine Weisheit trifft den Nagel mehr auf den Kopf, wenn es um die Kapitalanlagestrategien sogenannter aktiver Investoren geht. Profis und Privatanleger sind gleichermaßen betroffen.

Wenn die Märkte wackeln, geraten viele Anleger aus dem Tritt. Schlagzeilen überschlagen sich, Einschätzungen wechseln im Tagesrhythmus und immer wieder ist zu hören, warum diesmal alles anders sein soll. Gleichzeitig passiert an der Börse häufig etwas, das viele zusätzlich irritiert. Trotz all des Lärms laufen die Märkte oft erstaunlich stabil weiter.

Genau in diesem Spannungsfeld wurde ich Ende 2025 von DIE ZEIT interviewt. Es ging um die Frage, wie Anleger mit Unsicherheit umgehen sollten, ohne aus einem langfristigen Plan kurzfristige Entscheidungen zu machen. Und darum, wie man verhindert, dass aus einer tragfähigen Strategie eine spontane Reaktion wird.

Warum diese Fragen immer wieder gestellt werden

Unabhängig vom konkreten Anlass ähneln sich die Fragen auffällig. Mal stehen Zinsen im Mittelpunkt, mal politische Konflikte, mal neue Technologien oder einzelne Märkte. Dahinter steht meist derselbe Wunsch. Kontrolle. Anleger möchten wissen, ob sie etwas tun müssen, um Risiken zu begrenzen oder Chancen nicht zu verpassen.

Dieses Bedürfnis ist nachvollziehbar. Es führt jedoch häufig dazu, dass Aktivität mit Qualität verwechselt wird. Konsequentes Nichtstun wirkt in bewegten Zeiten schnell falsch, ist aber oft die überlegtere Entscheidung.

Was ich in DIE ZEIT gesagt habe

Meine Kernaussage im Interview lässt sich in drei Sätze übersetzen.

Erstens: Ruhe bewahren.
Zweitens: Nicht spekulieren.
Drittens: Bleiben Sie bei Ihrer Strategie.

Das klingt banal. Es ist es aber nur, solange man es nicht anwenden muss. Denn genau in unruhigen Phasen zeigt sich, ob ein Depot wirklich zu einem passt oder ob es nur in guten Zeiten funktioniert. Oder mit den zeitlosen Worten von Warren Buffett:

„Wenn die Ebbe kommt, wird deutlich, wer ohne Badehose schwimmen war.“ 

Das vollständige DIE ZEIT Interview stellen wir Ihnen HIER als PDF zum Download zur Verfügung.

Der Denkfehler hinter dem Sicherheitsbedürfnis

Sicherheit wird häufig mit Stabilität gleichgesetzt. Stabile Kontostände fühlen sich beruhigend an, Schwankungen werden als Risiko wahrgenommen. Dabei wird leicht übersehen, dass Schwankungen kein Störfaktor sind, sondern ein normaler Bestandteil funktionierender Kapitalmärkte. Sie sind der Preis dafür, dass man mit Aktien historisch 7 % Rendite pro Jahr macht und mit Festgeld um die 2 %.

Langfristig entsteht Sicherheit nicht durch das Vermeiden jeder Bewegung, sondern durch ein Verständnis dafür, welche Schwankungen zum Investieren dazugehören und welche nicht. Wer diesen Unterschied nicht sauber einordnet, läuft Gefahr, Risiken dort zu suchen, wo sie sichtbar sind, und sie dort zu übersehen, wo sie leise wirken.

Warum evidenzbasiertes Investieren kein Modetrend ist

Unsere Anlagestrategie, das heißt, das evidenzbasierte Investieren, orientiert sich nicht an Meinungen oder Prognosen, sondern an überprüfbaren Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung. Diese Forschung zeigt seit Jahrzehnten sehr konsistent, welche Faktoren langfristig Rendite beeinflussen und welche kaum verlässlich sind.

Zu den erwiesenen Erfolgsfaktoren gehören eine breite Diversifikation, ein langer Anlagehorizont, niedrige Kosten und ein klar definierter Anlageprozess. Zum Einsatz kommen vor allem kostengünstige ETFs. Sie sind ein effizientes Mittel, um diese Prinzipien sauber, transparent und kontrollierbar abzubilden, ohne ständig neue Annahmen treffen zu müssen.

Evidenzbasiert zu investieren bedeutet nicht, auf Entscheidungen zu verzichten. Es bedeutet, zu Anfang wichtige und fundamentale Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel die Vermögensstruktur, die gewünschte Rendite und die Anlagedauer. Dies sind die Leitplanken, wenn sich die Stimmung ändert.

Investieren ist kein Timing, sondern ein Prozess

Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, Investieren mit dem richtigen Zeitpunkt gleichzusetzen. In der Praxis ist der Einfluss des Timings deutlich geringer, als viele erwarten. Weitaus entscheidender ist die Zeit im Markt und die Fähigkeit, investiert zu bleiben.

Ein klar definierter Anlageprozess nimmt Druck aus Entscheidungen. Er ersetzt spontane Reaktionen durch vorher festgelegte Regeln. Gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit ist das oft der entscheidende Stabilitätsfaktor.

Ein gedanklicher Zwischenhalt

Viele Diskussionen über Geldanlage kreisen um das, was man tun könnte. Deutlich seltener wird darüber gesprochen, was man bewusst nicht tun sollte. Gerade darin liegt häufig der größere Hebel.

Nicht jede Information erfordert eine Handlung. Nicht jede Marktbewegung eine Anpassung. Wer diese Unterscheidung verinnerlicht, verschiebt den Fokus von kurzfristiger vermeintlicher Kontrolle hin zu langfristiger Verlässlichkeit.

Fazit

Kapitalmärkte lassen sich nicht kontrollieren. Was sich kontrollieren lässt, sind die Kosten und das eigene Verhalten.

Eine klare Strategie, nachvollziehbare Regeln und die Bereitschaft, Schwankungen auszuhalten, sind die Voraussetzungen für langfristigen Anlageerfolg.

Gute Geldanlage ist selten spektakulär. Sie liefert keine schnellen Geschichten und keine einfachen Erklärungen. Aber sie funktioniert. Und genau deshalb wird sie so oft unterschätzt.

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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