Vor kurzem habe ich im Zusammenhang mit einem Führungskräfte-Coaching einen detaillierten Persönlichkeitstest gemacht. Dabei stellte sich heraus, dass ich der „gewissenhafte Typ“ bin.
Sagen wir mal so: Ich war nicht überrascht. Mein Umfeld auch nicht.
Der gewissenhafte Typ ist “typisch deutsch”.
- Erst die Arbeit. Dann das Vergnügen.
- Schaffe, schaffe, Häusle bauen.
- Ordnung muss sein.
Ok, diese Eigenschaften haben mir in meinem bisherigen Berufsleben nicht unbedingt im Wege gestanden.
Spannenderweise haben zahlreiche Studien gezeigt, dass gerade diese Tugenden jedoch nicht unbedingt zur größten Lebenszufriedenheit führen.
Oder wie die Binsenweisheit sagt: Auf dem Sterbebett hat sich noch keiner gewünscht, er hätte mehr Zeit bei der Arbeit verbracht.
Wenn ich sehr vermögende Mandanten berate, treffe ich häufig auf zwei Extreme:
- Wir machen das für die Kinder. Sie sollen sorgenfrei leben und später viel erben.
- Meine Kinder haben schon genug von mir bekommen. Ich liebe sie, aber sie müssen nicht unbedingt etwas von mir erben.
Als Vater zweier Töchter kann ich beide Sichtweisen sehr gut nachvollziehen. Wir wollen unseren Kindern eine tolle Kindheit und die bestmögliche Ausbildung bieten. Auf der anderen Seite wollen wir sie aber auch nicht verhätscheln, sondern auf das wahre Leben vorbereiten.
Oder wie Warren Buffett sagte: “Ich möchte meine Kinder nicht um das Vergnügen bringen, ihr eigenes Geld zu verdienen“.
Durch Zufall wurde ich vor kurzem auf ein Buch aufmerksam gemacht, das versucht, beide Sichtweisen unter einen Hut zu bringen:
Die with Zero: Mache das Beste aus Deinem Geld und Deinem Leben. Vom Autor Bill Perkins.
Vorbemerkung: Die deutsche Fassung des Buches ist an einigen Stellen etwas holprig geschrieben. Ich stimme auch nicht allen Aussagen zu.
Es handelt sich trotzdem um einen ungewöhnlichen, inspirierenden und motivierenden Ratgeber.
Der Autor fordert dazu auf, das Leben nicht aufzuschieben, sondern den optimalen Zeitpunkt für Erfahrungen, Genuss und Schenken bewusst zu planen.
Worum es in dem Buch geht
Perkins stellt die klassische Logik des Sparens, das heißt, möglichst viel Geld anzuhäufen, es nicht auszugeben und am Ende zu vererben oder ungenutzt zu lassen, infrage.
Stattdessen motiviert er dazu, Geld bewusst für bedeutsame Erlebnisse auszugeben, während man noch gesund und aktiv ist.
Diese Sicht wird durch eine neue Studie von Bain unterstützt. Danach wandelt sich der Luxusmarkt fundamental. Die Superreichen kaufen weniger Sportwagen und Handtaschen, sondern geben ihr Geld lieber für 5-Sterne-Hotels, Luxus-Kreuzfahrten und Gourmet-Restaurants aus.
Die wichtigsten Prinzipien
- Geld in Erfahrungen investieren, nicht in Dinge
Erlebnisse schaffen Erinnerungen und Identität – Dinge verlieren Wert. Man gibt sein Geld am besten für Reisen, Abenteuer, Zeit mit Familie und persönliche Projekte aus. Denn Erfahrungen haben lebenslangen sogenannten emotionalen ROI (Return on Investment)
- Der Zeitpunkt ist entscheidend
Erfahrungen haben ein „Verfallsdatum“. Mit 30 kannst du Dinge tun, die mit 70 nicht mehr möglich sind. Es geht um die richtige Erfahrung im richtigen Lebensabschnitt.
- Das Konzept des „Memory Dividend“ (Erinnerungs-Dividende)
Erfahrungen zahlen Dividenden in Form von Erinnerungen. Zum Beispiel Freude, Persönlichkeitsentwicklung und soziale Bindungen. Schöner Nebeneffekt: Diese „emotionale Rendite“ wächst über die Zeit.
- Kein sinnloses Ansparen
Viele Menschen sparen so viel, dass sie am Ende zu viel hinterlassen oder ihr Geld nie genießen.
Perkins sagt: Geld ist gespeicherte Lebensenergie — gib sie aus, solange du leben kannst.
- Planen statt Zufall
Perkins empfiehlt eine bewusste Lebens- und Finanzplanung:
- Erstelle eine Erfahrungsliste (Bucketlist)
- Plane in „Lebensphasen“
- Nutze dein Vermögen nicht erst im Alter
- Arbeit und Lebensfreude balancieren
Nicht: 40 Jahre arbeiten – dann leben. Sondern: Arbeit + Erlebnisse parallel. Das traditionelle Modell, d. h. „arbeiten → sparen → warten → genießen“ ist ineffektiv.
- Geld weitergeben, solange du lebst
Perkins plädiert für das Geben mit “warmen Händen”, anstatt am Ende alles auf einen Schwung zu vererben. Dadurch kann Kindern und Angehörigen optimal geholfen werden. Zum Beispiel beim Studium und dem Kauf der ersten Wohnung. Der optimale Zeitpunkt für die ersten Vermögensübertragungen ist, wenn die Kinder Ende 20 oder Anfang 30 sind. Vorher ist natürlich auch ok, wenn genug Vermögen da ist.
- Gesundheitskurve berücksichtigen
Mit 60 ist der Körper weniger leistungsfähig als mit 30. Plane also Abenteuer eher früher und ruhige Aktivitäten für später.
- Den eigenen Lebenszweck definieren
Die Kernfrage ist: Wofür arbeite ich wirklich? Für Status? Sicherheit? Erlebnisse? Beziehungen?
Beispielhafte Umsetzung
Perkins rät, die Lebenszeit in Abschnitte zu teilen:
20 bis 30 Jahre: Abenteuer & riskante Erfahrungen
30 bis 45 Jahre: Karriere & Familienzeit
45 bis 60 Jahre: Reisen, soziale Aktivitäten
Ab 60 Jahre: Memoiren, Weitergeben, Ruhe
Fazit
Der Buch ist ein philosophischer Gegenpol zur klassischen Finanzplanung.
Das Ziel ist nicht ein Maximum an Geld, sondern ein Maximum an gelebtem Leben.
„Die With Zero“ ist kein Aufruf zur Verschwendung, sondern zu intelligentem Genuss. Geld wird so eingesetzt, dass es in Bedeutung und Erinnerungen umgewandelt wird.
Und jetzt?
In meiner Erfahrung ist vielen vermögenden Menschen nicht vollständig klar, wie gut sie eigentlich finanziell dastehen. Zum Beispiel weil noch nie eine saubere Vermögensbilanz aufgestellt wurde. Aus der klar wird, dass das vorhandene Vermögen für einen entspannten Ruhestand mehr als genug ist. Wenn es vernünftig arbeitet. Oder dass ein Ruhestand deutlich früher möglich ist und Arbeit optional wird.
Am Anfang jeder seriösen Beratung großer Vermögen sollte somit immer eine solche Vermögensbilanz aufgestellt werden. Deshalb bin ich auch Finanzplaner. Eine Vermögensbilanz schafft Klarheit und sie gibt Sicherheit. Sie ist außerdem die Basis für die zukünftige Geldanlage. Denn wer schon viel hat und das Vermögen vor allem erhalten will, braucht keine hohen Renditen, d. h. kein hohes Risiko, mehr. Denn unser Vermögen ist dazu da, unsere Lebensqualität zu erhöhen. Nicht, um Stress zu erzeugen.
Mein Tip: Schreiben Sie doch mal alle Vermögenswerte und Zahlungsansprüche (z. B. Renten und Mieteinnahmen) auf einem Blatt Papier nieder. Faustformel: Falls Ihr Vermögen größer ist als das 250-fache ihrer monatlichen Ausgaben, sind Sie auf einem guten Weg.
Falls Sie es genau wissen wollen, wie gut Sie dastehen, hilft eine professionelle strategische Finanzplanung.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
