Die Euphorie in Bezug auf die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz hat die Börsen in den vergangenen Jahren beflügelt und zum Beispiel Nvidia zum wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht.
Parallel macht sich seit kurzem eine neue Sorge an den Kapitalmärkten breit: FOBO – Fear Of Becoming Obsolete. Gemeint ist die Angst, durch technologische Entwicklungen überflüssig zu werden.
Mit dem rasanten Fortschritt der Künstlichen Intelligenz betrifft diese Sorge nicht nur Arbeitnehmer oder Unternehmen. Sie beeinflusst auch das Verhalten von Investoren.
Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie stark diese Sorgen die Märkte bewegen können. Selbst Unternehmen, die lange als sicher galten, gerieten plötzlich unter Druck.
Marktentwicklung der letzten Wochen: KI-Angst statt KI-Euphorie
In den ersten Wochen des Jahres 2026 kam es zum Beispiel zu einer deutlichen Korrektur bei Software- und Datendienstleistern.
Aktien von Unternehmen wie Adobe, SAP und Salesforce verloren spürbar an Wert. Investoren befürchteten, dass generative KI klassische Software-Geschäftsmodelle unter Druck setzen könnte.
Auch etablierte Informations- und Datenanbieter wie Thomson Reuters gerieten ins Visier. Neue KI-Anwendungen könnten Teile ihres Kerngeschäfts automatisieren.
Der Software-Sektor wurde insgesamt von einer breiten Verkaufswelle erfasst. Auslöser waren weniger schwache Ergebnisse als vielmehr die Sorge, dass bestehende Geschäftsmodelle schneller ersetzt werden könnten als bisher angenommen.
Diese Entwicklung zeigt: Der Markt bewertet derzeit nicht nur Chancen, sondern vor allem Risiken. Genau hier entsteht FOBO.
Niemand weiß heute, wer die Gewinner der KI-Revolution sein werden
Trotz aller Begeisterung für KI gilt eine zentrale Wahrheit:
Es ist unmöglich, heute zuverlässig vorherzusagen, welche Unternehmen langfristig zu den Gewinnern der KI-Revolution gehören werden.
Warum?
- Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Phase der Technologie.
- Geschäftsmodelle können sich schneller verändern als erwartet.
- Neue Marktführer entstehen oft außerhalb der heutigen Marktführer.
- Hohe Investitionen in KI garantieren noch keine nachhaltigen Gewinne.
Ein Blick in die Vergangenheit bestätigt das. Während des Internetbooms um das Jahr 2000 galten viele Unternehmen als sichere Gewinner. Die meisten existieren heute nicht mehr.
Für Investoren bedeutet das:
Stock Picking, das heißt, der Versuch die zukünftigen Gewinner-Aktien herauszupicken, war schon immer ein nahezu unmögliches Unterfangen. Denn es gibt zwar um die 12.000 handeltbare Aktien weltweit. Aber nur rund 4 % davon sind Gewinner-Aktien, die hohe Gewinne erzielen.
Thematisches Stock Picking in frühen Technologiezyklen ist somit höchst riskant. Und wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.
Diversifikation: Die einzige verlässliche Strategie in unsicheren Zeiten
Wenn die Zukunft unklar ist, gibt es nur eine robuste Antwort: Diversifikation.
Eine breite Streuung über
- Regionen
- Branchen
- Anlageklassen
- Investmentstile wie Growth und Value
stellt sicher, dass Ihr Portfolio nicht von einer einzelnen Entwicklung oder einem Technologietrend abhängig ist.
Selbst wenn KI langfristig enorme wirtschaftliche Auswirkungen hat, heißt das nicht, dass die heutigen KI-Lieblinge auch die Gewinner von morgen sind.
Historische Lektion: Warum Value-Aktien besser liefen als Tech
Aktien werden grundsätzlich in zwei unterschiedliche Typen aufgeteilt:
- Qualitätsaktien auch Value-Aktien genannt. Dies sind in der Regel stabile, günstig bewertete und profitable Unternehmen wir zum Beispiel Banken, Versicherer, Nahrungsmittelhersteller und Pharma-Unternehmen.
- Technologie-Aktien auch Wachstumsaktien genannt. Dies sind aktuell vor allem KI- und Software-Aktien. Diese Aktien zeichnen sich durch hohe Wachstumsraten, aber auch durch hohe Bewertungen aus.
Sieht man sich empirische Finanzmarktdaten der vergangenen 50 Jahre an, zeigt sich ein eventuell überraschendes Bild. Es waren nämlich nicht die „aufregenden“ Technologie- und Wachstumsaktien, die die höchsten Renditen erzielt haben. Sondern die „langweiligen“ Qualitätsaktien.
Hier einige Gründe dafür:
- Bewertungsniveaus: Wenn Wachstumsaktien stark steigen, werden die Erwartungen extrem hoch. Schon kleine Enttäuschungen führen dann zu deutlichen Kursrückgängen.
- Zinsumfeld: Steigende Zinsen belasten Wachstumswerte stärker, weil deren Gewinne weiter in der Zukunft liegen.
- Rückkehr zu Fundamentaldaten: In unsicheren Marktphasen bevorzugen Investoren oft Unternehmen mit stabilen Cashflows, soliden Bilanzen und attraktiven Bewertungen. Das sind typische Value-Merkmale.
Drei Empfehlungen für Anleger im aktuellen Umfeld
Grundsätzlich gilt: Als Anleger sollte man eine Geldanlage-Strategie haben. Und zwar eine, die fundiert ist und auf die man sich verlassen kann. Dies ist vor allem in schwierigen Marktphase wie jetzt existenziell wichtig.
Hier drei Denkanstöße, die sich in der Vergangenheit bewährt haben:
- Nicht alle Eier in einen Korb legen: Auch wenn KI ein Megatrend ist, sollten Sie eine einseitige Konzentration auf Technologie- oder KI-Aktien vermeiden.
- Diversifikation über Investmentstile: Ein Portfolio sollte sowohl Wachstums- als auch Value-Aktien enthalten. Eine Streuung über verschiedene Stile reduziert das Risiko von Bewertungsblasen.
- Regelmäßig rebalancieren: Wenn einzelne Sektoren stark gestiegen sind, können Gewinne durch ein systematisches Rebalancing realisiert werden. Anschließend wird das Portfolio wieder auf die strategische Zielstruktur zurückgeführt.
Fazit: FOBO ist ein Risiko für Unternehmen und für Investoren
Künstliche Intelligenz wird die Welt und die Weltwirtschaft verändern. Die größte Gefahr für Anleger besteht jedoch nicht darin, den nächsten Gewinner zu verpassen. Sie liegt vielmehr darin, sich von Angst oder Euphorie leiten zu lassen.
Langfristiger Anlageerfolg entsteht nicht durch Prognosen über einzelne Technologien. Entscheidend sind breite Diversifikation, disziplinierte Umsetzung, ein klarer Blick auf Kosten und Bewertungen sowie langfristiges Denken.
Oder anders formuliert:
In Zeiten großer Unsicherheit sind Zukunftsprognosen und konzentrierte Wetten mit hoher Wahrscheinlichkeit der direkte Weg ins finanzielle Desaster.
Stattdessen sollte sich Anleger auf bewährte Tugenden konzentrieren: Eine robuste Portfolio-Konstruktion und eine belastbare Anlagestrategie.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
