Die Welt spricht über Künstliche Intelligenz (KI). Kein anderes Thema verändert Wirtschaft, Arbeit und Märkte derzeit so rasant wie die KI. Doch während das Potenzial der Technologie enorm ist, hat sich ein gefährlicher Irrtum verbreitet: Viele Anleger glauben, sie könnten bereits heute identifizieren, welches KI-Unternehmen langfristig gewinnen wird.
Die Wahrheit ist: Die KI-Revolution ist unberechenbar. Und genau deshalb sind Prognosen darüber, welche Firmen zu den großen Gewinnern gehören werden, hochgradig spekulativ.
Wir erklären hier, weshalb diese Unsicherheit existiert, warum historisch „langweilige“ Value-Aktien oft besser performt haben als Tech-Wachstumswerte und was dies alles konkret für Anleger bedeutet.
KI ist keine gewöhnliche technologische Innovation – sie ist ein Systemschock
Die KI-Revolution unterscheidet sich in vielen Punkten von vergangenen Technologiewellen:
- Geschwindigkeit: technologische Generationswechsel innerhalb von Monaten, nicht Jahren.
- Verbreitung: KI ist horizontal – sie hat Anwendung in jedem Sektor, von Gesundheit bis Logistik.
- Gigantische Kosten: Unternehmen investieren hunderte Milliarden in Rechenleistung, Hardware, Training.
In einer solchen Situation ist Marktführerschaft nicht stabil. Sie ist volatil.
Beispiel: OpenAI vs. Google – die perfekte Illusion der Vorhersagbarkeit
Vor einem Jahr klang es so: „OpenAI (ChatGPT) ist uneinholbar. Google hat den Anschluss verloren.“
Viele Anleger hätten damals darauf gewettet, dass OpenAI klarer Sieger der KI-Revolution sein würden.
Diese Woche schrieb das Handelsblatt:
- OpenAI ruft intern „Alarmstufe Rot“ aus.
- Google beginnt mit Gemini massiv aufzuholen.
- Mit Anthropic (Claude) wächst ein ernsthafter Konkurrent heran.
Die Google-Aktie (gelistet als Alphabet) ist seit Jahresanfang übrigens trotz aller Unkenrufe um 66 % gestiegen.
Die Lektion ist eindeutig: Was gestern als Fakt galt, kann heute obsolet sein.
Und wenn wir eins aus der Tech-Geschichte lernen: Der Versuch, den nächsten Marktführer zu erraten, endet selten erfolgreich.
Warum es objektiv unmöglich ist, die KI-Gewinner vorherzusagen
Selbst Brancheninsider, KI-Forscher und Tech-Investoren liegen regelmäßig daneben. Die Gründe:
- Technologische Sprünge sind nicht linear – neue Modellarchitekturen können alles verändern.
- Umsetzung schlägt Theorie – Produkte, Skalierung, Infrastruktur, Datensicherheit, Compliance.
- Geschäftsmodelle stehen erst am Anfang – Monetarisierung ist unklar: Subscription? Plattform? Enterprise-SaaS? Werbung? Lizenzmodelle?
- Nutzerakzeptanz ist unkalkulierbar – technisch überlegen ≠ Marktführer (Betamax vs. VHS, Blackberry vs. iPhone).
Historisches Lehrstück: Warum Value-Aktien langfristig outperformt haben
Viele Anleger denken intuitiv: „Die Technologiefirmen müssen die Gewinner sein, weil sie Innovation schaffen.“
Aber empirische Daten zeigen: Vermeintlich langweilige sogenannte Value-Aktien (z. B. Banken, Versicherer oder Pharma) haben langfristig oft mehr Rendite geliefert als Growth-/Tech-Aktien.
Warum?
1) Technologie verteilt ihren Nutzen — nicht ihre Gewinne
Die gesamte Wirtschaft profitiert von Innovation.
Beispiele:
- Internet = Effizienzsteigerung für Handel (Beispiel: Amazon), Logistik, Industrie.
- Cloud = bessere Produktivität in Banken, Versicherern, Einzelhändlern.
- KI = schlankere Prozesse in jedem Unternehmen.
Ergebnis: Die Nutzer der Technologie profitieren oft stärker als die Hersteller.
2) Der Diffusionsgewinn: Anwender verdienen mehr
Tech-Pioniere kämpfen mit:
- extremen F&E-Kosten
- technischem Risiko
- Wettbewerb
- Infrastrukturkosten
- regulatorischem Druck
- Margendruck
Anwender dagegen:
- integrieren die Technologie
- senken Kosten
- steigern Margen
- erhöhen Profitabilität
Sie nutzen die Innovation – sie müssen sie nicht verkaufen.
3) Growth-Titel sind oft überteuert
Erwartungen sind gigantisch – Realität weniger.
Beispiel: Die Tesla-Aktie wird aktuell zum 313-fachen ihres Jahresgewinns gehandelt. Die Mercedes Benz-Aktie zum 11-fachen.
Überbewertungen erzeugen:
- Preisschwankungen
- Korrekturen
- Enttäuschungen
Value dagegen:
- geringeres Bewertungsrisiko
- stabilere Gewinnentwicklung
- niedrigere Volatilität
4) Value-Aktien profitieren langfristig mit weniger Risiko
Value nutzt Technologie.
Growth baut Technologie.
Wer nutzt, gewinnt langfristig.
Wer baut, schwankt kurzfristig.
Was Anleger jetzt tun sollten – wissenschaftlich fundiert
- Vorsicht beim Stockpicking im KI-Kontext – die KI-Revolution ist zu komplex, um Firmen zu prognostizieren.
- Globale Diversifikation – über Branchen, Länder, Unternehmensgrößen; breitstreuende ETFs statt Einzeltitel.
- Fokus auf langfristige Wertschöpfung – nicht auf kurzfristige Nachrichten.
- Wissenschaftliche Portfoliosteuerung – Prognosefrei und evidenzbasiert statt Emotion.
- Strikte Trennung zwischen Investieren und Spekulieren – Investieren = Prozess, Spekulieren = Wette.
Fazit: Die KI-Revolution bestätigt das Fundament nachhaltiger Vermögensplanung
Wer anhand von Schlagzeilen entscheidet, welche Aktie er kauft, erhöht seinen Zufallsfaktor – nicht seine Rendite.
Zahlreiche Studien haben belegt, dass circa 3 % aller Aktien für den Löwenanteil der Börsengewinne sorgen. Wer diese Aktien nicht hat, senkt seine Rendite deutlich.
Eine Studie der Goethe-Universität-Frankfurt hat gezeigt, dass über 50 % aller Privatanleger, die in Eigenregie investieren, Geld mit ihren Aktieninvestments verlieren. Im Durchschnitt ließen Do-It-Yourself-Anleger 5,6 % Rendite pro Jahr liegen. Dadurch geht ein Vermögen verloren.
Die KI-Revolution wird die Welt verändern. Aber sie macht die Zukunft nicht berechenbarer, sondern unberechenbarer.
Der beste Schutz vor Fehleinschätzungen: Fundiertes Finanzwissen, Investieren anstatt Spekulieren, breite Diversifikation und ein langfristiger Anlagehorizont. Zur Unterstützung und Fehlervermeidung hat man idealerweise einen kompetenten Partner oder Berater.
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Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
