Die Investment-Legende Charlie Munger war kein Mann großer Worte. Als langjähriger Vize von Warren Buffett, dem erfolgreichsten Investor der vergangenen 60 Jahre, und Co-Architekt von Berkshire Hathaway hat er in Jahrzehnten mehr über das Wesen des Investierens nachgedacht als die meisten. Wer seine Reden und Interviews kennt, weiß: Wenn Munger etwas als Todsünde bezeichnete, meinte er es ernst.
Eine dieser Todsünden der Geldanlage nannte er „Thumbsucking“. Auf deutsch: Daumenlutschen.
Es klingt harmlos. Es ist es nicht.
Was Munger mit Daumenlutschen wirklich meinte
Thumbsucking ist das Zögern, obwohl die Fakten längst klar sind. Es ist die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen.
Konkrete Beispiele kennt jeder, der länger mit Vermögen umgeht:
- Eine enttäuschende Anlage wird nicht verkauft – in der Hoffnung auf Erholung.
- Eine gute Gelegenheit wird erkannt – man wartet aber noch auf den „richtigen“ Zeitpunkt. Der nie kommt.
- Man vermutet, dass einem eine schlechte Kapitalanlage verkauft wurde, aber man geht der Sache nicht auf den Grund.
- Man hat zu viel Liquidität in schlecht verzinstem Festgeld oder Tagesgeld geparkt. Kümmert sich aber nicht um eine bessere Geldanlage.
Das Tückische daran: Nicht zu handeln fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an. Es ist aber eine. Und meist die teuerste.
Warum Aufschieben so gefährlich ist
Die größten Schäden in der Vermögensverwaltung entstehen selten durch einen einzelnen, spektakulären Fehler. Sie entstehen durch anhaltende Untätigkeit. Dadurch, dass Fehlentscheidungen nicht konsequent korrigiert werden.
Dieses Verhalten vieler Anleger ist verständlich. Man steht einer Flut von Informationen im Internet und den sozialen Medien gegenüber und ist schlicht und einfach verwirrt und überfordert.
Und man weiß nicht, wen man fragen soll und wem man vertrauen kann. Denn weiterhin finden 99 % aller Finanzberatungen auf Provisionsbasis statt. Das heißt: Der Produktverkauf steht im Vordergrund. Nicht eine neutrale Beratung.
Auch bei Vermögensverwaltern, die auf den ersten Blick unabhängig erscheinen, kann es hinter der Fassade massive Interessenkonflikte zu Lasten der Mandanten geben:
- Der Verkauf von hauseigenen Finanzprodukten kann hohe versteckte Kosten auslösen
- Der Wertpapierhandel mit konzerneigenen Gesellschaften kann die Transaktionskosten erhöhen
Das Problem: Kapital, das in schwachen Anlagen gebunden bleibt, steht für bessere Gelegenheiten nicht zur Verfügung. Das sind Opportunitätskosten, die in keiner Verlustrechnung auftauchen, aber real sind. Aus einem lösbaren Problem wird durch Untätigkeit ein finanzielles Risiko. Und die menschliche Psychologie macht es leider noch schlimmer. Denn bei der Geldanlage sind wir, nachgewiesenermaßen, nicht rational:
- Verlustaversion. Verluste schmerzen stärker als gleichwertige Gewinne befriedigen. Also riskieren wir lieber nichts.
- Angst vor Fehlentscheidungen. Wer nicht handelt, kann sich nicht irren. So die Logik. So der Irrtum.
- Status-quo-Bias. Der bestehende Zustand gilt als Normalzustand, jede Veränderung als Risiko.
Mungers Botschaft war unmissverständlich: Probleme verschwinden nicht durch Ignorieren. Sie werden laufend teurer.
Beispiel: Wer 1 Millionen Euro auf dem Konto parkt, anstatt das Geld in sichere Anleihen zu investieren, verliert aktuell 20.000 Euro pro Jahr. Wer das Geld in ein ausgewogenes Wertpapier-Portfolio investiert, gewinnt um die 40.000 Euro pro Jahr. Nach 10 Jahren sind das 500.000 Euro mehr Vermögen.
Eine unterschätzte Form des Daumenlutschens
Wer über Thumbsucking nachdenkt, denkt meist an konkrete Portfolio-Entscheidungen. Doch es gibt eine Variante, die bei größeren Vermögen besonders häufig vorkommt und besonders selten als Problem erkannt wird.
Es ist das Vertrauen ohne Kontrolle.
Die Entscheidung für eine Bank, einen Vermögensverwalter oder ein bestimmtes Produkt ist getroffen. Was danach folgt, ist oft jahrelange Passivität. Auch das ist Daumenlutschen:
- Dem falschen Berater zu vertrauen, ohne die Ergebnisse je ernsthaft zu prüfen.
- Sich auf Versprechen zu verlassen, statt Fakten einzufordern.
- Anlageergebnisse jahrelang unkontrolliert zu lassen.
- Kosten und Struktur nicht zu hinterfragen.
Wir werden regelmäßig von Anlegern kontaktiert, die uns sagen: „Ich habe ein komisches Gefühl mit meiner Geldanlage. Irgendwas stimmt nicht. Aber ich kann es nicht belegen, weil mir das Fachwissen fehlt.“
Auch hier wirkt die Psychologie
Warum kontrollieren viele Anleger ihre Geldanlage nicht regelmäßig?
Nach über 25 Jahren in der Branche bin ich fest davon überzeugt, dass das Motto der herkömmlichen Finanzindustrie lautet:
„Wenn Du sie nicht überzeugen kannst, dann verwirre sie.“
Beispiel: Viele Vermögensverwalter schicken umfangreiche Quartalsberichte, die 50 Seiten Fach-Chinesisch oder mehr umfassen, inklusive detaillierter Marktberichte, bunter Grafiken und plausibel klingender Zukunftsprognosen.
Das Problem: Diese Berichte sind für die meisten Privatanleger viel zu komplex und größtenteils unverständlich.
Anleger, die nachfragen, werden häufig mit noch mehr Komplexität überfrachtet und abgespeist.
Das häufige Ergebnis: Resignation. Man lässt die Dinge dann so weiter laufen.
Der Preis: Bei unseren Portfolio-Gutachten stoßen wir nicht selten auf Kosten von bis zu 3,7 % pro Jahr und Renditeverluste von 2 % bis 10 % pro Jahr (zum Vergleichsindex).
Bei 1 Million Euro sind das 20.000 Euro bis 100.000 Euro an entgangenen Gewinnen pro Jahr.
Wenn Vertrauen teuer wird
Die Folgen mangelnder Kontrolle werden regelmäßig unterschätzt:
Dauerhaft zu hohe Kosten durch intransparente Gebührenstrukturen. Unnötig komplexe oder schlicht ungeeignete Produkte im Portfolio. Zu hohe Risiken oder Klumpenbildung, die jahrelang unbemerkt bleibt. Unterdurchschnittliche Verzinsung, die sich erst im Rückblick als strukturelles Problem zeigt.
Ein Prozent zu viel Kosten oder ein Prozent zu wenig Verzinsung wirkt auf den ersten Blick harmlos. Über zehn bis zwanzig Jahre bedeutet dieser Unterschied bei größeren Vermögen hunderttausende oder mehrere Millionen Euro weniger.
Der Zinseszinseffekt arbeitet in beide Richtungen. Für diejenigen, die handeln. Und gegen diejenigen, die es nicht tun.
Nicht der einzelne Fehler ist entscheidend. Das jahrelange Nicht-Hinterfragen ist das eigentliche Risiko.
Drei Regeln gegen finanzielles Daumenlutschen
Vertrauen ist gut, Transparenz ist besser. Wer sein Vermögen in fremde Hände gibt, sollte die Kostenstruktur kennen, die Strategie verstehen und die tatsächliche Nettorendite (nach Kosten und Steuern) kennen. Nicht die versprochene.
Ergebnisse sollten regelmäßig geprüft werden. Mindestens einmal jährlich: Entwicklung nach Kosten, Risikostruktur, Vergleich mit einer sinnvollen Benchmark.
Konsequenzen ziehen. Wenn Struktur, Kosten oder Ergebnisse nicht überzeugen: handeln. Nicht hoffen.
Geduld ja – Passivität nein
Wer langfristig investiert, braucht Nervenstärke. Märkte schwanken. Phasen der Unsicherheit gehören dazu. Nicht auf jede Bewegung zu reagieren ist keine Schwäche, sondern Disziplin.
Aber Disziplin bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Langfristig investieren heißt nicht, Fehlentwicklungen stillschweigend hinzunehmen. Es heißt nicht, Verantwortung für das eigene Vermögen dauerhaft abzugeben. Und es heißt nicht, Ergebnisse jahrelang ungeprüft zu lassen.
Der Unterschied zwischen Geduld und Passivität ist entscheidend. Munger kannte ihn genau.
Fazit
Charlie Munger war ein großer Verfechter von Geduld. Vor allem Geduld beim Halten guter Anlagen und Geduld gegenüber kurzfristigen Schwankungen.
Aber er warnte ebenso eindringlich vor Passivität aus Bequemlichkeit oder Angst. Seine Botschaft war klar:
Geduld ist eine Stärke. Untätigkeit ist ein finanzielles Risiko.
Ob es um eine schlechte Anlage geht, eine falsche Strategie oder den falschen Berater – wenn die Fakten klar sind, muss man handeln. Denn beim Investieren gilt, was Munger sein Leben lang lehrte: Daumenlutschen kostet Vermögen.
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Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
