Der Bitcoin-Preis hat seit seinem Hoch im Oktober 2025 deutlich an Wert verloren. Damals notierte der Preis bei rund 126.000 US-Dollar. Am vergangenen Freitag fiel der Preis kurzzeitig unter 60.0000 US-Dollar. Damit hat sich der Kurs innerhalb weniger Monate nahezu halbiert.
Die Enttäuschung sitzt tief, denn nach der Wiederwahl von Donald Trump hatte viele Branchenkenner ein goldenes Zeitalter für Kryptowährungen vorhergesagt.
In einem Markt, der lange nur steigende Preise kannte, ist das ein spürbarer Bruch. Entsprechend drastisch sind die Begriffe, die aktuell kursieren. Einer davon: die „Todesspirale“.
Geprägt wurde dieser Begriff unter anderem von Michael Burry, der bereits vor der Finanzkrise 2008 vor selbstverstärkenden Marktmechanismen gewarnt hatte. Doch was ist damit im Zusammenhang mit Bitcoin tatsächlich gemeint – und was nicht?
Was aktuell wirklich passiert
Der jüngste Kursrückgang ist kein isoliertes Ereignis. Er fällt in eine Phase, in der Investoren weltweit Risiken abbauen. Spekulative Anlagen geraten unter Druck. Kryptowährungen gehören – unabhängig von langfristigen Visionen – weiterhin zu den volatilsten Segmenten der Kapitalmärkte. Wenn Risiko reduziert wird, trifft es diese Anlageklassen oft zuerst.
Hinzu kommt, dass viele Anleger erst in den vergangenen zwölf bis achtzehn Monaten in größerem Umfang eingestiegen sind. Für einen Teil dieser Investoren ist es die erste Phase, in der Bitcoin nicht nur schwankt, sondern deutlich unter frühere Kaufkurse fällt. Das verändert Verhalten. Aus Zuversicht wird Zurückhaltung, aus Zurückhaltung werden Verkäufe.
Bitcoin unter der Trump-Administration
Ein wichtiger Aspekt aus der jüngeren Vergangenheit ist die politische Einordnung. Nach der Wiederwahl von Donald Trump Ende 2024 setzte bei Bitcoin eine starke Rallye ein. Pro-Krypto-Signale aus dem politischen Umfeld, verbunden mit der Hoffnung auf weniger Regulierung und mehr institutionelle Öffnung, sorgten für eine deutlich verbesserte Marktstimmung. Bitcoin überschritt erstmals die Marke von 100.000 US-Dollar und erreichte im Herbst 2025 sein bisheriges Rekordhoch.
In den Monaten danach folgte jedoch Ernüchterung. Die politische Rhetorik konnte die grundlegenden Marktmechanismen nicht dauerhaft überdecken. Regulatorische Diskussionen blieben präsent, makroökonomische Faktoren gewannen wieder an Gewicht, und die anfängliche Euphorie wich einer nüchternen Neubewertung. Das zeigt: Politik kann Stimmungen beeinflussen, sie ersetzt jedoch keine tragfähige Marktstruktur.
Die Mechanik hinter dem Abwärtsdruck
Fällt ein Markt deutlich, greifen mehrere Mechanismen ineinander. Zunächst verlieren Anleger Vertrauen. Neue Käufer bleiben aus, bestehende reduzieren Positionen. Parallel dazu werden stark gehebelte Engagements zwangsweise aufgelöst. Diese Liquidationen verstärken den Abwärtsdruck, unabhängig davon, ob Investoren grundsätzlich an Bitcoin glauben oder nicht.
Ein weiterer Faktor sind Abflüsse aus Bitcoin-ETFs. Diese Produkte waren zuvor ein wichtiger Treiber der Nachfrage, weil sie institutionellen und privaten Anlegern einen einfachen Zugang ermöglichten. Drehen sich die Kapitalflüsse, kehrt sich dieser Effekt um. Verkäufe aus ETFs erzeugen zusätzlichen Angebotsdruck und verschärfen Kursbewegungen. Institutionelle Investoren wirken dabei nicht stabilisierend, sondern folgen klaren Risikoregeln. Gerade in fallenden Märkten können sie Volatilität verstärken, statt sie abzufedern.
Bitcoin ist inzwischen stärker in das klassische Finanzsystem integriert. Das bringt Akzeptanz und Reichweite, erhöht aber auch die Abhängigkeit von Liquidität und Risikostimmung. Je stärker der Kurs fällt, desto größer wird der Zwang, Risiken zu begrenzen. Der Markt wird dünner, Ausschläge werden heftiger.
Was mit „Todesspirale“ eigentlich gemeint ist
Wenn von einer Todesspirale die Rede ist, geht es nicht um einen plötzlichen Kollaps. Gemeint ist ein selbstverstärkender Prozess. Fallende Preise führen zu Vertrauensverlust. Vertrauensverlust löst Verkäufe aus. Diese Verkäufe erhöhen den Angebotsdruck und drücken die Preise weiter. In der Folge geraten weitere Marktteilnehmer unter Stress.
Auch strukturelle Effekte spielen dabei eine Rolle. Sinkende Preise können die Rentabilität des sogenannten Bitcoin-Minings, das heißt des Schürfens („Schürfens“ = mining) neuer Bitcoins, belasten. Müssen Miner Bitcoin verkaufen, um laufende Kosten oder Finanzierungen zu bedienen, erhöht sich der Verkaufsdruck erneut. Gleichzeitig ziehen sich institutionelle Investoren zurück, wenn Liquidität und Marktstabilität fehlen.
Wichtig ist: Eine Todesspirale ist ein Risikoszenario, kein Automatismus. Sie beschreibt eine mögliche Dynamik in angespannten Marktphasen, nicht das zwangsläufige Ende von Bitcoin.
Bitcoin als Schutz vor fallenden Märkten?
Bitcoin wird häufig als „digitales Gold“ bezeichnet. Die Hoffnung: In Zeiten fallender Aktienmärkte agiert Bitcoin als Absicherung und stabilisiert ein Portfolio. Ein solcher Schutzmechanismus würde bedeuten, dass der Bitcoin-Preis in Phasen fallender Aktienmärkte stabil bleibt oder steigt. Die Realität der vergangenen Jahre zeichnet ein anderes Bild. In vielen Stressphasen bewegte sich Bitcoin im Gleichlauf mit Aktien und anderen Risikowerten – teilweise mit stärkeren Verlusten.
Der Grund liegt in der zunehmenden Nutzung durch institutionelle Anleger und der Einbindung in das Finanzsystem. Bitcoin wird heute weniger als isolierter Wertspeicher genutzt, sondern vielfach als spekulative Anlageklasse. In Korrekturen verhält er sich daher eher wie ein Risikobaustein als wie ein Absicherungsinstrument.
Vor- und Nachteile einer Bitcoin-Investition
Vor diesem Hintergrund lohnt ein nüchterner Blick auf die zentralen Vor- und Nachteile einer Bitcoin-Investition.
Vorteile
- Bitcoin bleibt die bekannteste und marktführende Kryptowährung.
- Die institutionelle Akzeptanz hat durch ETFs und Infrastruktur deutlich zugenommen.
- Das begrenzte Angebot von maximal 21 Millionen Einheiten wird häufig als langfristiger Inflationsschutz gesehen.
- Als Beimischung kann Bitcoin zur Diversifikation beitragen, sofern die Risiken bewusst getragen werden.
Nachteile
- Bitcoin unterliegt extremen Kursschwankungen; Verluste von 30 bis 50 Prozent sind keine Ausnahme.
- Es gibt keine laufenden Erträge wie Zinsen oder Dividenden.
- Regulatorische Rahmenbedingungen befinden sich weltweit im Wandel und können starke Kursreaktionen auslösen.
- In Stressphasen besteht eine hohe Korrelation mit anderen Risikomärkten.
- Zusätzlich bleiben operative Risiken wie Verwahrung und Sicherheit relevant.
Ausblick – mögliche Szenarien
Konkrete Kursprognosen sind nicht möglich, doch Szenarien lassen sich skizzieren. In einem positiven Umfeld könnten wieder steigende Zuflüsse in ETFs, eine Entspannung der makroökonomischen Lage und mehr regulatorische Klarheit den Markt stabilisieren. In diesem Fall wäre mittelfristig auch eine Rückkehr zu Kursen oberhalb von 100.000 US-Dollar denkbar.
Im negativen Szenario würden anhaltende ETF-Abflüsse, eine wirtschaftliche Abschwächung und weitere Zwangsverkäufe den Druck hoch halten. Dann wären weiterhin starke Schwankungen und auch niedrigere Kursniveaus, etwa um 50.000 US-Dollar, nicht auszuschließen.
Fazit
Befindet sich Bitcoin in einer Todesspirale? Bitcoin ist anfällig für selbstverstärkende Abwärtsphasen, insbesondere dann, wenn Liquidität knapp wird und Verkaufszwänge entstehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Bitcoin zwangsläufig scheitert oder wertlos wird. Die Kryptowährung hat in der Vergangenheit mehrfach massive Einbrüche überstanden und danach neue Höchststände erreicht.
Für Anleger bleibt entscheidend: Bitcoin ist eine hochvolatile, spekulative Anlageklasse. Er eignet sich nicht als Sicherheitsbaustein oder stabilisierender Anker im Portfolio. Wer investiert (spekuliert?), muss extreme Schwankungen aushalten können und sollte sehr genau definieren, welche Rolle Bitcoin im Gesamtvermögen spielt. Die aktuelle Diskussion ist weniger ein Urteil über die Existenz von Bitcoin als vielmehr ein Lehrstück über Risiko, Liquidität und Marktmechanik.
Es gibt keinen risikoarmen Weg, um schnell reich zu werden. Der Versuch, dies trotzdem zu erreichen, endet fast immer mit Tränen.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
