Ich habe mich geirrt


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“Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau erklären kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.” Winston Churchill

Vorbemerkung: Ich schreibe den heutigen Newsletter ohne jegliche Häme und Schadenfreude. Ich bin selbst 16 Jahre als professioneller Analyst und Portfoliomanager in London und Singapur Teil der globalen Investmentbanking Gemeinschaft gewesen und habe, oft vergeblich, versucht, die Märkte vorherzusagen. Bis ich vor sechs Jahren die wissenschaftliche Geldanlage entdeckt und herausgefunden habe, dass erfolgreiche Aktieninvestments nichts mit Prognosen und Spekulieren zu tun haben. Ganz im Gegenteil: Diese Aktivitäten kosten nur Zeit, Nerven und viel Geld.

From Hero to Zero

Fehler gibt wahrscheinlich kaum jemand gerne zu. Ganz besonders nicht, wenn man Experte mit einem siebenstelligen Jahreseinkommen ist und die Fehleinschätzung, die man gemacht hat, sehr viel Geld gekostet hat.

Genau das hat diese Woche Mike Wilson gemacht. Mike Wilson ist Chefstratege für US-Aktien bei Morgan Stanley, einer führenden Investmentbank.

Noch letztes Jahr war Wilson ein gefeierter Held, denn er hatte den deutlichen Rückgang der Aktienkurse in den USA vorgesagt. Daraufhin wurde ihm der Spitzname “Superbär” verliehen (Anmerkung: Ein “Bär” ist ein Investor, der erwartet, dass die Aktienkurse fallen).

Wilson hielt jedoch viel zu lange an seiner pessimistischen Haltung fest und verpasste dadurch die Aktienrallye der letzten Monate, die unter anderem durch den Boom der Künstlichen Intelligenz-Unternehmen angetrieben wurde. 

So liegt sein Kursziel für den S&P 500 bei 3.900 Punkten. Der aktuelle Stand: 4.582 Punkte, 17,5 % höher. An den Märkten sind das Welten. Diese gravierende Fehleinschätzung hat Wilson jetzt öffentlich eingestanden.

Mike Wilson ist bei weitem nicht der einzige, der auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Zahlreiche Strategen und Fondsmanager haben ihre Aktienbestände in 2022 deutlich zurückgefahren und dadurch die Rallye in 2023 zumindest teilweise verpasst. Oder sie haben sich bei ihren Anleihen-Investments verspekuliert. Oder beides.

So wurde zum Beispiel der vielleicht bekannteste deutsche Fonds, der Flossbach von Storch Multiple Opportunities, vom Analysehaus Scope herabgestuft. Die Wirtschaftswoche titelte im März 2023: “Die Top-Vermögensverwalter schwächeln”.

Hier ein paar harte Fakten zur sogenannten aktiven Anlagestrategie, die wahrscheinlich 90 % aller Anleger verfolgen:

  • Market Timing, d. h. der Versuch, die Aufwärts- und Abwärtsbewegungen der Aktienmärkte vorherzusagen, ist eine der Todsünden der Aktienanlage (die andere Todsünde ist das Stock Picking, d. h. der Versuch, einzelne “Gewinneraktien zu finden). Die meisten Strategen und Fondsmanager sind zweifellos hochintelligente Menschen. Aber auch sie können die kurzfristige Entwicklung der Aktienkurse nicht systematisch vorhersagen. 
  • Eine Grundregel der Aktienmärkte ist die “Rückkehr zum Mittelwert”. Konkret: Die Gewinner eines Jahres sind oft die Verlierer des folgenden Jahres. Das Problem: Viele Privatanleger, aber auch viele professionelle Investoren, basieren Ihre Anlageentscheidungen auf Ranglisten und kaufen die Gewinner-Fonds der Vergangenheit. Die dann oft im nächsten Jahr schwächeln.
  • Kaum zu fassen: Nur 2 % aller professionellen Fondsmanager schaffen es über einen 10-Jahres-Zeitraum “den Markt zu schlagen” (Quelle: S&P). Bei Privatanlegern sind es 14 % (Quelle: Universität Frankfurt).

Wie investiert man “richtig”, d. h. wissenschaftlich, in Aktien?

Über Aktien wissen wir folgendes:

  • Die Aktienmärkte tendieren dazu, langfristig zu steigen. Vereinfacht gesagt aufgrund Bevölkerungswachstum, Wachstum der Weltwirtschaft, Inflation und steigender Unternehmensgewinne, die die Haupttreiber der Aktienmärkte sind.
  • Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Aktienkurse in einem Jahr höher liegen als heute, liegt bei rund 70 %. 
  • Aktien können längere Abschwünge und Durststrecken durchlaufen. Nach spätestens 15 Jahren Haltedauer hat bisher jedoch niemand Geld mit Aktien verloren. Egal wann die Aktien gekauft wurden.

Fazit: Bei Aktien ist nicht der richtige Einstiegszeitpunkt entscheidend, sondern die Haltedauer.

Mit diesem Wissen erscheint die Buy-and-Hold-Strategie (“Kaufen und Halten”), die u. a. auch von Warren Buffett propagiert wird, als die Vielversprechendste:

  • Man entscheidet, wie viel Geld man in Aktien investieren will.
  • Dieses Geld investiert man extrem breit gestreut. 
  • Dann tut man: Nichts! Man wartet, dass die Weltwirtschaft und die Aktienmärkte ihre Arbeit für einen erledigen.
  • Einmal pro Jahr überprüft man systematisch sein Portfolio und macht eventuell Anpassungen (sogenanntes Re-balancing).

Diese Strategie ist kostengünstig, zeitsparend und nervenschonend. Und sie hat in der Vergangenheit sehr gut funktioniert.

Große Weine entstehen durch kontrolliertes Nichtstun. Große Aktienvermögen auch.

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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