Ich melde mich aus der Sommerpause zurück.
Das wichtigste Finanzereignis des Sommers kommt aus einer Ecke des Kapitalmarkts, die gemeinhin als dröge und sicher gilt.
Dem Anleihemarkt.
In der Realität ist der Anleihemarkt komplex und gefährlich. Vor allem für Privatanleger. Siehe dazu meinen Beitrag vom 28.06.2026 (LINK).
Die meisten Anleger konzentrieren sich bei der Kapitalanlage vor allem auf den Aktienmarkt. Das ist nachvollziehbar, denn der Aktienmarkt ist aufregend. Es ist dauernd etwas los.
Was dabei oft übersehen wird: Der globale Anleihemarkt ist größer als der Aktienmarkt. Und er hat das Potential, massive Turbulenzen an den Börsen zu verursachen.
James Carville, ein Berater von US-President Bill Clinton, bemerkte einmal, nur halb im Scherz, dass er gern als der globale Anleihemarkt wiedergeboren werden würde. Denn dann hätte er die Macht, jeden einzuschüchtern.
In den vergangenen Wochen hat die Nervosität an den globalen Anleihemärkten zugenommen. Einer der Auslöser war die US-Staatsverschuldung, die zum ersten Mal die gigantische Summe von 40 Billionen US-Dollar überschritten hat. Das sind 40.000 Milliarden Dollar. Eine Besserung ist nicht in Sicht, denn das Haushaltsdefizit der USA liegt bei rund 2 Billionen US-Dollar pro Jahr. Dies wird durch neue Schulden finanziert.
Die jährliche Zinsbelastung der USA beträgt inzwischen rund 1.000 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Zum Vergleich: Die Steuereinnahmen des deutschen Staats betrugen 990 Milliarden Euro im Jahr 2025.
Als Reaktion auf diesen Schuldenexzess sind die Zinsen für 10-jährige US-Staatsanleihen temporär auf über 5 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit 2007.
Die Zinsen anderer Länder sind parallel gestiegen. Die Verzinsung der 10-jährigen deutschen Staatsanleihe stieg auf bis zu 3,78 Prozent. Das ist der höchste Stand seit 2011.
Trump ist nicht der alleinige Schuldige
Donald Trump wird gern, und oft auch mit gutem Grund, als Verursacher diverser Kapitalmarktkrisen bezeichnet. Im April 2025 sorgte er mit seinen Zollankündigungen für einen massiven Kurssturz an den Börsen. Aktuell führt der bisher desaströse Iran-Krieg zu einem deutlichen Anstieg der Inflation und der Zinsen.
Der globale Zinsanstieg hat aber auch andere Gründe. Zum Beispiel den schier unersättlichen Kapitalhunger der amerikanischen Tech-Konzerne, die Hunderte von Milliarden US-Dollar in den KI-Boom investieren und dazu massenhaft Unternehmensanleihen begeben. Diese erhöhte Nachfrage nach Kapital treibt die Zinsen ebenfalls in die Höhe.
Der starke Anstieg der deutschen Zinsen ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil hausgemacht. Auch die deutschen Staatsschulden haben mit 2,9 Billionen Euro vor kurzem einen neuen Rekordstand erreicht. Das ist ein Anstieg von rund 900 Milliarden Euro seit der Pandemie. Die Bundesregierung rechnet bis 2030 mit einer weiteren Netto-Kreditaufnahme des Staats in Höhe von 1 Billion Euro. Diese neuen Schulden werden vor allem durch neue Staatsanleihen finanziert.
Zwischenergebnis: Die weltweiten Schulden werden auf absehbare Zeit weiter steigen. In einem effizienten Markt bedeutet eine Zunahme der Nachfrage in der Regel steigende Preise. Hier: Steigende Zinsen.
Diese Schuldenexzesse können übrigens noch viele Jahre so weitergehen.
Auch wenn einige Untergangspropheten versuchen, Panik zu verbreiten: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die USA oder Deutschland pleite gehen werden. Beide Länder haben zahlreiche Möglichkeiten, um eine drohende Schuldenkrise in den Griff zu bekommen.
Die USA könnten die Steuern erhöhen und Deutschland könnte in vielen Bereichen sparen. Allerdings sind beides unpopuläre Massnahmen, die kein Politiker, der wiedergewählt werden will, freiwillig angeht. Die Dose wird also wahrscheinlich weiter die Straße runtergekickt.
Kehrt des “gierige Biest” zurück?
Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat vor einigen Jahren einen Metapher geprägt, die man in ihrer Relevanz kaum unterschätzen kann.
Er bezeichnete die Inflation bildlich als ein „gieriges Biest“, das beharrlich bekämpft werden muss und erst dann gezähmt ist, wenn das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) nachhaltig erreicht ist.
Dies war im Februar 2026 endlich wieder gelungen, als die Inflationsrate in Deutschland auf 1,9 Prozent sank. Dann kam am 28. Februar der Beginn des Iran-Kriegs. Seitdem ist die Inflation wieder auf 2,8 Prozent (Juli 2026) gestiegen.
Eine der größten Gefahren bei der Geldanlage ist, dass Anleger die langfristigen Effekte der Inflation unterschätzen und ihr Geld zu konservativ und zu renditeschwach anlegen.
Beispiel: 3 Prozent Inflation pro Jahr über 20 Jahre bedeutet einen Kaufkraftverlust von rund 45 Prozent.
Um eine Inflation von 3 Prozent auszugleichen, muss eine Geldanlage eine Rendite von rund 4 Prozent erzielen. Denn Kapitalerträge werden mit 26,375 Prozent (inkl. Soli) besteuert.
Dies ist mit Sparbüchern, Girokonten und Tages- und Festgeldern in der Regel nicht möglich.
Die gute Nachricht für Anleger
Die gute Nachricht für Anleger ist, dass sie mit Staats- und vor allem Unternehmensanleihen deutlich höhere Zinsen erhalten können als mit Festgeld (temporäre Lockvogelangebote von Banken zur Kundengewinnung ausgenommen).
Mit Staats- und Unternehmensanleihen mittlerer Laufzeiten lassen derzeit bis zu 4,0 Prozent Zinsen erzielen. Dies reicht schon einmal für einen realen Vermögensschutz.
Hochzinsanleihen bieten aktuell um die 5,5 Prozent Rendite.
Ein weiterer Vorteil von Anleihen: Es können auch sehr hohe Beträge problemlos investiert werden. Die 100.000 Euro Grenze des Einlagensicherungsfonds gilt bei Anleihen nicht.
Und jetzt?
Der vielleicht häufigste und langfristig teuerste Fehler bei der Geldanlage ist, dass Anleger, aus unterschiedlichsten Gründen, zu viel Geld auf niedrig verzinsten Konten parken.
In Anbetracht der seit Jahren deprimierenden Nachrichtenlage ist das verständlich. Dieses Parken führt aber zu einem garantierten realen Vermögensverlust. Parallel entgehen einem deutlich höhere Zinseinnahmen.
Wer momentan nicht in Aktien investieren will, kann seine Rendite (im Vergleich zu Festgeld) zumindest durch ein Investment in Anleihen deutlich steigern.
In Anbetracht der global weiter steigenden Verschuldung rate ich weiterhin zu Anleihen, die eine geringe Zinssensibilität haben. Dies sind kurze und mittlere Laufzeiten.
Brauchen Sie noch einen kleinen Schubs, um mit der Geldanlage loszulegen? Dann empfehle ich Ihnen meinen Beitrag „Leiden Sie am Intelligenz-Paradoxon“, den viele meiner Leser*innen als sehr hilfreich empfunden haben. LINK
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
