Die Süddeutsche Zeitung hat mich für die aktuelle Folge ihrer Serie „SZ-Depotcheck“ erneut als Anlage-Experten eingeladen.
Dieses Mal habe ich mir das Depot von Martin, 68 Jahre, selbständiger IT-Berater aus Mühldorf am Inn angesehen.
Martin hat 623.000 Euro in Einzelaktien investiert. Darüber hinaus hat er eine abgezahlte Immobilie und weitere Vermögensgegenstände. Sein Gesamtvermögen liegt im siebenstelligen Bereich.
Martins Ziel: 1.500 Euro Dividende im Monat zu bekommen, um sich sein Leben „zu versüßen“.
Ein berechtigter Wunsch, den ich zu 100 % unterstütze. Dafür hat er sein Vermögen ja aufgebaut.
Eine Sache, die mir sofort aufgefallen ist. Die monatliche Entnahme von 1.500 Euro ist recht moderat im Verhältnis zu Martins Vermögen. Dies ist etwas, was mir häufig begegnet: Vermögenden Menschen ist nicht zu 100 % klar, wie gut es Ihnen eigentlich geht und dass sie problemlos deutlich mehr Vermögen entnehmen können, um sich ihre Wunsche zu erfüllen oder das Leben noch angenehmer zu machen.
In meiner Rolle als Finanzplaner ist es deshalb einer der schönsten Momente, wenn ich neuen Mandanten ihre Vermögensbilanz und Finanzplanung vorstelle: Und den Mandanten zum ersten Mal klar wird, wie gut es Ihnen finanziell geht, dass sie finanziell sorgenfrei sind und welche breiten Optionen ihnen ihr Vermögen gibt. Z. B. einen noch besseren Lebensstil, Schenkungen oder Philanthropie.
Depot-Check: Das Ziel klingt vernünftig. Das Problem liegt im Weg.
Martin kann sich selbst auf die Schulter klopfen. Er gehört zu den weniger als 20 % aller Deutschen, die in Aktien investieren. Und dabei scheint er auch ein glückliches Händchen gehabt zu haben, denn er ist mit der Entwicklung seines Portfolio sehr zufrieden.
Jetzt wünscht er 1.500 Euro Dividendenausschüttung pro Monat. Das sind 18.000 Euro im Jahr. Bei einem Depot von 623.000 Euro entspricht das einer erforderlichen Brutto-Dividendenrendite von knapp drei Prozent, ohne dass Vermögen verzehrt wird. Ein machbares Ziel.
Aber was passiert, wenn das gesamte Portfolio auf Dividendenzahlungen ausgerichtet wird?
Genau diese Frage habe ich vergangene Woche in meinem Beitrag zur Dividendensaison 2026 ausführlich behandelt. Wer gezielt auf hohe Dividendenrenditen setzt, landet häufig systematisch bei den falschen Aktien. Zum Beispiel bei Unternehmen, deren Kurs gefallen ist. Bei Geschäftsmodellen unter Druck. Bei Firmen, die ausschütten, weil ihnen nichts Besseres einfällt.
Martins Depot zeigt dieses Muster. Deutlich.
Ein Depot voller Klumpenrisiken
Martin investiert seit über 20 Jahren in Einzelaktien. Er hat Unternehmen gekauft, deren Geschäftsmodell ihm einleuchtete. Kein schlechter Ansatz. Grundsätzlich.
Das Problem ist die Konzentration. In Stefans Portfolio befanden sich zum großen Teil europäische Industriewerte und Unternehmen mit zyklischen Geschäftsmodellen. Viele davon sind mittelgroße Unternehmen, deren Schicksal eng an die Konjunktur gekoppelt ist.
Die regionale Verteilung stellt ebenfalls ein Risiko dar. Deutschland macht rund 65 Prozent des Portfolios aus. Die USA kommen auf etwa zwölf Prozent. Der Rest verteilt sich auf Österreich, Italien, Frankreich, Südafrika, Spanien und Polen.
Zum Vergleich: Am globalen Aktienmarkt machen die USA rund 60 Prozent der Marktkapitalisierung aus. Martins Portfolio steht dazu in einem fast spiegelverkehrten Verhältnis. In der Fachsprache nennt man das den „Home Bias“, zu deutsch „Heimatliebe“. Die Neigung, überproportional in heimische Aktien zu investieren. Es ist einer der häufigsten Anlagefehler, die ich in Depotanalysen sehe.
Ein häufig übersehenes weiteres Problem der Heimatliebe: Wer sich Sorgen macht, in welche Richtung sich unser Land in Zukunft entwickeln könnte, sollte sein Wertpapiermögen vielleicht besser aus Deutschland herausdiversifizieren.
Das Ergebnis: Martins Depot hängt zu einem großen Teil an einer Handvoll mittelgroßer, zyklischer Unternehmen. Gleichzeitig fehlt der Zugang zu den Unternehmen, die in den vergangenen Jahren den größten Beitrag zur globalen Aktienrendite geleistet haben.
Warum das im Ruhestand besonders gefährlich wird
Wer 35 Jahre alt ist und ein konzentriertes Einzelaktien-Depot hat, kann Rückschläge eventuell verkraften. Man hat noch genug Zeit, Anlagefehler auszubügeln. Die Zeit arbeitet für einen.
Wer 68 ist und in den Ruhestand geht, hat diesen Luxus nicht.
Denn jetzt dreht sich die Logik um. Es geht nicht mehr um Vermögensaufbau. Es geht um Vermögenserhalt und kontrollierte Entnahme. Jeder größere Rückschlag trifft den Anleger doppelt. Einmal durch den Kursverlust selbst. Und ein zweites Mal, weil die laufenden Entnahmen in eine Phase fallender Kurse fallen.
Das Fachkonzept dahinter heißt Sequence-of-Returns-Risk (deutsch: Renditereihenfolgerisiko). Es beschreibt die Tatsache, dass die Reihenfolge der Renditen in den ersten Jahren der Entnahme den gesamten Ruhestand beeinflusst. Zwei Anleger können über 20 Jahre exakt die gleiche Durchschnittsrendite erzielen. Wenn der eine in den ersten drei Jahren einen Einbruch erlebt und gleichzeitig regelmäßig Geld entnimmt, steht er am Ende mit deutlich weniger Vermögen da als der andere.
Bei einem Depot, das zu 100 Prozent aus Einzelaktien besteht, ohne jede Absicherung durch Anleihen oder Liquiditätsreserven, ist dieses Risiko besonders ausgeprägt. Ein schlechtes Börsenjahr zum falschen Zeitpunkt kann den gesamten Ruhestandsplan gefährden.
Drei Töpfe statt Dividendenstrategie
Meine Empfehlung im SZ-Depotcheck war deshalb eine grundlegende Umstrukturierung, d. h. zunächst eine deutliche Reduzierung des Aktienrisikos von 100 % auf 60 % bis 75 % (je nach Neigung, ich kenne Martin nicht persönlich).
Denn es gilt die Regel: Man sollte nie das riskieren, was man braucht, um etwas zu erhalten, was man nicht braucht.
Martin braucht lediglich eine Rendite von 3 % pro Jahr, um sorgenfrei zu leben. Vermögensmaximierung ist nicht sein Ziel. Warum sollte er also eine hohe Aktienquote fahren, bei der die erwartete Rendite bei 7 % liegt und das Portfolio deutlich stärker schwankt.
Bei der konkreten Umsetzung empfehle ich eine sogenannte Drei-Topf-Strategie, die ich in der Ruhestandsplanung regelmäßig einsetze.
Nehmen wir Martins 623.000 Euro als Ausgangspunkt.
Topf eins ist die Liquiditätsreserve. Hier liegen etwa 30.000 bis 40.000 Euro in Tagesgeld und kurzlaufenden Anleihen. Sofort verfügbar. Kein Renditebringer, das ist auch nicht sein Zweck. Dieser Topf deckt die laufenden Ausgaben der nächsten zwölf bis achtzehn Monate. Er ist ein Schutzschild. Wenn die Märkte einbrechen, muss Martin nicht zu ungünstigen Kursen verkaufen. Er lebt aus dem ersten Topf, bis sich die Lage stabilisiert.
Topf zwei ist der mittelfristige Puffer. Etwa 150.000 bis 180.000 Euro in Anleihen mit moderater Laufzeit und solider Bonität. Dieser Topf füllt Topf eins nach und überbrückt Schwächephasen am Aktienmarkt über drei bis fünf Jahre. Er liefert keine Spitzenrenditen, aber er liefert Stabilität. Und Stabilität ist im Ruhestand die wichtigste Währung.
Topf drei ist der langfristige Vermögenskern. Hier liegen die verbleibenden rund 400.000 Euro. Aber nicht in 15 Einzelaktien mit Deutschland-Übergewicht. Sondern in breit gestreuten ETFs und Indexfonds, die an der Wertschöpfung der gesamten Weltwirtschaft teilnehmen. Ein Portfolio aus mehreren tausend Unternehmen, über alle Regionen und Branchen hinweg.
Der entscheidende Punkt: Topf drei muss in den kommenden Jahren keine Auszahlungen leisten. Er hat zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre Zeit. Und genau deshalb darf er offensiv investiert sein, um die Rendite in diesem Topf zu maximieren.
Dividenden sind kein Entnahmeplan
Der grundlegende Denkfehler bei Martins Strategie: Er verwechselt Dividende mit Einkommen.
Eine Dividende ist eine Ausschüttung des Unternehmens. Der Anleger hat keinen Einfluss darauf, wann sie kommt, wie hoch sie ausfällt und ob sie überhaupt gezahlt wird. Unternehmen können Dividenden jederzeit kürzen oder streichen. Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen haben genau das in diesem Jahr getan. Rund 30 Prozent weniger als im Vorjahr.
Wer seinen Ruhestand auf Dividendenzahlungen aufbaut, macht sich abhängig von Entscheidungen, die er nicht kontrollieren kann.
Die Alternative ist eine systematische Entnahmestrategie. Martin definiert, wie viel er pro Monat oder pro Quartal aus dem Portfolio entnimmt. Er verkauft gezielt kleine Anteile aus Topf drei, wenn Topf eins aufgefüllt werden muss. Er steuert den Prozess selbst. Er bestimmt den Zeitpunkt. Er bestimmt die Höhe.
Das hat auch einen steuerlichen Vorteil. Vergangene Woche habe ich beschrieben, warum Dividenden steuerlich nachteilig sind. Jede Ausschüttung wird sofort mit rund 26 bis 28 Prozent Abgeltungsteuer belastet. Bei 18.000 Euro Bruttodividende im Jahr gehen über 4.700 Euro direkt an das Finanzamt. Jedes Jahr. Automatisch.
Wer stattdessen Kapital im Portfolio arbeiten lässt und nur dann entnimmt, wenn er es braucht, behält mehr Vermögen im System. Der Zinseszinseffekt bleibt intakt. Die Steuerlast wird nicht eliminiert, aber zeitlich gestreckt.
Fazit
Der SZ-Depotcheck zeigt ein Muster, das mir in der Praxis regelmäßig begegnet. Ein engagierter Anleger mit einem klaren Ziel, aber einer Struktur, die nicht zur Lebensphase passt. Martin hat vieles richtig gemacht. Er hat früh angefangen. Er hat in Aktien investiert. Er hat Vermögen aufgebaut. Das verdient Respekt.
Aber der Übergang vom Aufbau in die Entnahme erfordert eine andere Architektur. Nicht die Höhe der Dividende entscheidet über einen sicheren Ruhestand. Sondern die Frage, ob das Portfolio auch dann funktioniert, wenn die Märkte zwei oder drei Jahre lang nicht mitspielen.
Im Fokus steht der systematische Vermögenserhalt.
Wer das verstanden hat, denkt nicht mehr in Dividendenrenditen. Sondern in Strukturen.
Den vollständigen Artikel finden Sie bei der Süddeutschen Zeitung (SZ Plus).
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
