Süddeutsche Zeitung Depotcheck:
Der Weg zum Millionendepot


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Veröffentlicht am 13. September 2026

Warum junge Menschen ihre Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen müssen

Es ist seit vielen Jahren allgemein bekannt: Die gesetzliche Rente wird für junge Menschen nicht ausreichen, um im Alter ihren gewohnten Lebensstandard zu halten. Das klingt für viele zunächst beunruhigend und auch unfair, wenn man als junger Mensch hohe Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt und in einigen Jahrzehnten möglicherweise selbst nur eine geringe Rente erhalten wird.

Doch die junge Generation besitzt einen enormen Vorteil: Zeit. Wer früh beginnt und regelmäßig und systematisch in Aktien investiert, kann selbst mit überschaubaren Beträgen langfristig ein großes Vermögen aufbauen.

Vor kurzem hat mich die Süddeutsche Zeitung im Rahmen ihrer Depotcheck-Serie gebeten, das Portfolio einer bemerkenswerten jungen Anlegerin analysieren. Sara ist 26 Jahre alt, Doktorandin und hat bereits rund 148.000 Euro in ihrem Wertpapierdepot. Zusätzlich verfügt sie über etwa 80.000 Euro Festgeld. Mit dem Investieren begann sie bereits im Alter von 16 Jahren. Heute spart sie monatlich 600 Euro, nach ihrem Berufseinstieg sollen daraus voraussichtlich rund 1.500 Euro werden.

Meine Einschätzung war eindeutig: Sara hat hervorragende Voraussetzungen, im Laufe ihres Lebens ein Millionenvermögen aufzubauen. Dafür braucht sie weder spektakuläre Aktienwetten noch komplizierte Finanzprodukte. Entscheidend sind vielmehr drei Faktoren: vorhandenes Kapital, regelmäßiges Sparen – und vor allem sehr viel Zeit.

Gerade der letzte Punkt ist für junge Menschen enorm wichtig. Denn während die Aussichten für die gesetzliche Altersvorsorge wenig Anlass zur Sorglosigkeit geben, haben junge Anleger etwas auf ihrer Seite, das ältere Anleger nicht haben: 40 oder mehr Jahre Anlagezeitraum bis zum Ruhestand.

Warum sich junge Menschen nicht allein auf die gesetzliche Rente verlassen sollten

Die gesetzliche Rentenversicherung basiert im Wesentlichen auf einem Umlageverfahren. Die Beiträge der heutigen Arbeitnehmer finanzieren zu einem großen Teil die Renten der heutigen Rentner.

Dieses System funktioniert besonders gut, wenn vielen Beitragszahlern vergleichsweise wenige Rentner gegenüberstehen. Genau dieses Verhältnis verändert sich jedoch durch den demografischen Wandel.

Die geburtenstarken Jahrgänge gehen zunehmend in den Ruhestand. Gleichzeitig müssen ihre Renten von nachfolgenden, zahlenmäßig kleineren Generationen finanziert werden. 

Schon heute fließen zusätzlich zu den Beiträgen erhebliche Steuermittel in die Rentenversicherung. 2025 beliefen sich die Bundesmittel auf rund 120 Milliarden Euro. Dies ist der größte Ausgabenposten im Bundeshaushalt. Tendenz: Steigend. 

Für junge Menschen folgt daraus eine wichtige Erkenntnis: Die gesetzliche Rente wird wahrscheinlich eine immer geringere Rolle bei der Altersvorsorge spielen.

Wer heute 25 oder 30 Jahre alt ist und im Ruhestand finanziell unabhängig sein möchte, sollte nicht darauf warten, dass der Staat dieses Problem für ihn löst. Der aktuelle Streit um die Rentenreform zeigt mal wieder, dass auf die Politik wahrscheinlich kein Verlass sein wird.

Die Lösung: Mehr eigenes Vermögen aufbauen.

Gerade junge Menschen haben dafür hervorragende Voraussetzungen.

Sie müssen nicht reich sein. Sie müssen auch nicht sofort 1.000 oder 2.000 Euro im Monat investieren können.

Ihr größter Vorteil ist Zeit.

Denn langfristiges Investieren verläuft nicht linear. Wer sein Geld investiert, erhält nicht nur Rendite auf seine Einzahlungen. Auch die bereits erwirtschafteten Erträge können in den folgenden Jahren wiederum Erträge erwirtschaften.

Das ist der Zinseszinseffekt.

Am Anfang wirkt er unspektakulär. Später kann er gewaltig werden.

Deshalb ist es so entscheidend, früh anzufangen.

Was aus 250 Euro im Monat werden kann

Nehmen wir einen 27-Jährigen, der mit seinem ersten richtigen Einkommen beginnt, für das Alter vorzusorgen.

Er investiert zunächst 250 Euro im Monat. Damit seine Sparleistung mit der Inflation und idealerweise auch mit seinem steigenden Einkommen Schritt hält, erhöht er den monatlichen Sparbetrag jedes Jahr um drei Prozent.

Aus 250 Euro werden im zweiten Jahr 257,50 Euro. Nach zehn Jahren liegt die monatliche Sparrate bei rund 326 Euro, nach 20 Jahren bei rund 438 Euro und im letzten Sparjahr bei knapp 800 Euro.

Er investiert vom 27. bis zum 67. Lebensjahr – also 40 Jahre.

Über diesen gesamten Zeitraum zahlt er selbst rund 226.000 Euro ein.

Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Was aus diesem Geld wird, hängt ganz wesentlich von der erzielten Rendite ab.

Bei einer durchschnittlichen Rendite von 3 Prozent pro Jahr, die sich aktuell mit reinen Anleihe-Portfolios erzielen lassen, wächst das Vermögen auf rund 385.000 Euro.

Bei einer durchschnittlichen Rendite von 7 Prozent pro Jahr, die man in der Vergangenheit mit einem 80 Prozent Aktien und 20 Prozent Anleihen-Portfolio erzielen konnte, entstehen dagegen rund 906.000 Euro.

Annahme3 % Rendite7 % Rendite
Startalter27 Jahre27 Jahre
Anfangssparrate250 €/Monat250 €/Monat
Jährliche Erhöhung3 %3 %
Laufzeit40 Jahre40 Jahre
Eigene Einzahlungenca. 226.000 €ca. 226.000 €
Endvermögenca. 385.000 €ca. 906.000 €

Die Differenz beträgt mehr als 500.000 Euro.

Der Anleger hat in beiden Fällen exakt dieselben Beträge gespart. Er hat dieselbe Disziplin aufgebracht. Er hat über denselben Zeitraum investiert.

Der entscheidende Unterschied ist die Rendite.

Natürlich sind weder drei noch sieben Prozent garantiert. Kapitalmarktrenditen schwanken, und niemand kennt die Renditen der kommenden 40 Jahre. Die Rechnung ist deshalb keine Prognose, sondern eine Modellrechnung.

Sie zeigt aber eindrucksvoll, welche Bedeutung bereits wenige Prozentpunkte Rendite über sehr lange Zeiträume haben.

Damit kommen wir zu einem Punkt, den ich in der Beratung junger Anleger für besonders wichtig halte.

Wer einen Anlagehorizont von 30 oder 40 Jahren hat, sollte sich nicht ausschließlich darauf konzentrieren, kurzfristige Schwankungen zu vermeiden.

Denn Sicherheit hat einen Preis.

Wer sein Geld jahrelang überwiegend auf Tagesgeldkonten, Sparbüchern oder in sehr defensiven Anlagen hält, reduziert zwar die Schwankungen seines Vermögens. Gleichzeitig verzichtet er aber auf einen erheblichen Teil der langfristigen Renditechancen.

Und genau diese Rendite ist über einen Zeitraum von 40 Jahren von enormer Bedeutung.

Die Modellrechnung zeigt den Effekt: Aus denselben Einzahlungen können je nach Rendite entweder rund 385.000 Euro oder mehr als 900.000 Euro werden.

Deshalb spielt die Aktienquote beim langfristigen Vermögensaufbau eine so wichtige Rolle.

Aktien schwanken. Es wird Börsenabschwünge geben. Es wird Jahre geben, in denen ein Aktiendepot 20 oder 30 Prozent an Wert verliert. Und niemand kann ausschließen, dass Anleger zeitweise noch größere Verluste sehen.

Für einen 27-Jährigen mit einem Anlagehorizont von vier Jahrzehnten sind solche Schwankungen jedoch etwas völlig anderes als für jemanden, der sein Kapital in wenigen Jahren benötigt.

Ein junger Anleger hat Zeit, Krisen auszusitzen.

Und er kann während eines Börsencrashs sogar weiter investieren und zu niedrigeren Kursen zusätzliche Anteile kaufen.

Die Aktienquote entscheidet mit über das langfristige Vermögen

Grundsätzlich gilt: Wer bereit und finanziell in der Lage ist, langfristig höhere Schwankungen auszuhalten, kann einen größeren Teil seines Vermögens in Aktien investieren und damit höhere erwartete Renditen anstreben.

Für junge Menschen kann deshalb eine sehr hohe Aktienquote sinnvoll sein.

Das bedeutet nicht, dass Aktien jedes Jahr sieben Prozent Rendite liefern. In einzelnen Jahren können die Ergebnisse erheblich davon abweichen. Entscheidend ist der sehr lange Zeitraum.

Wer noch 30 oder 40 Jahre bis zum Ruhestand hat, besitzt einen Luxus, den ältere Anleger nicht mehr in gleichem Umfang haben: Zeit, um Schwankungen auszusitzen und den Zinseszinseffekt arbeiten zu lassen.

Deshalb ist es gerade für junge Anleger problematisch, aus Angst vor Börsenverlusten jahrzehntelang zu defensiv zu investieren.

Das größte Risiko kann darin bestehen, über Jahrzehnte zu wenig Rendite zu erzielen. Und dadurch zu wenig Ruhestandskapital aufzubauen.

Man muss nicht reich sein, um Vermögen aufzubauen

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus der Modellrechnung ist eine andere.

Unser Anleger beginnt mit 250 Euro im Monat.

Das ist für viele Berufseinsteiger kein unrealistischer Betrag.

Mit steigendem Einkommen erhöht er seine Sparrate jedes Jahr lediglich um drei Prozent. Einen Teil einer Gehaltserhöhung automatisch in die Sparrate fließen zu lassen, dürfte vielen Menschen wesentlich leichter fallen, als von Beginn an sehr hohe Beträge zurückzulegen.

Und trotzdem kann daraus über 40 Jahre ein Vermögen in der Größenordnung von einer Million Euro entstehen.

Das ist die eigentliche Macht des Zinseszinseffekts.

Der beste Zeitpunkt ist am Anfang des Berufslebens

Natürlich kann man auch mit 40, 50 oder 60 Jahren noch erfolgreich Vermögen aufbauen. Dazu habe ich vor kurzem ebenfalls einen Beitrag für die Süddeutsche Zeitung geschrieben, den ich bald mit Ihnen teilen werde.

Aber die Mathematik ist eindeutig: Je früher man beginnt, desto weniger muss man später aufholen.

Deshalb sollten wir jungen Menschen nicht nur beibringen, Geld zu sparen. Wir sollten ihnen beibringen, Geld produktiv zu investieren.

Ein Notgroschen gehört auf ein Tagesgeldkonto. Geld, das in wenigen Jahren für eine Wohnung, ein Auto oder andere größere Ausgaben benötigt wird, sollte ebenfalls nicht vollständig dem Aktienmarktrisiko ausgesetzt werden.

Aber für Geld, das für die Altersvorsorge bestimmt ist und 30 oder 40 Jahre nicht benötigt wird, gelten andere Regeln.

Hier sollte das Ziel nicht maximale kurzfristige Sicherheit sein.

Das Ziel sollte maximaler langfristiger Vermögensaufbau sein.

Die schlechte Nachricht – und die gute Nachricht

Die Diskussion über die Zukunft der gesetzlichen Rente kann deprimierend wirken.

Immer mehr Rentner, vergleichsweise weniger Beitragszahler, steigende Finanzierungslasten und die Frage, wie zukünftige Generationen ihren Lebensstandard im Alter sichern sollen.

Darauf kann man mit Resignation reagieren.

Oder mit Eigeninitiative.

Denn die gute Nachricht lautet: Junge Menschen haben ihre finanzielle Zukunft zu einem erheblichen Teil selbst in der Hand.

Wer mit Ende 20 beginnt, regelmäßig Geld zurückzulegen, die Sparrate mit dem Einkommen erhöht und langfristig in ein breit diversifiziertes Aktienportfolio investiert, hat vier Jahrzehnte Zeit, Vermögen aufzubauen.

Aus zunächst 250 Euro im Monat können so Hunderttausende Euro werden. Bei entsprechend hohen langfristigen Renditen kann sich das Vermögen der Millionengrenze nähern – und wer höhere Sparraten erreicht oder bereits Startkapital besitzt, kann diese Grenze deutlich überschreiten.

Sara aus dem SZ-Depotcheck hat deshalb nicht nur aufgrund ihres bereits vorhandenen Vermögens hervorragende Voraussetzungen. Ihr vielleicht größter Vermögenswert steht auf keinem Depotauszug:

Sie ist 26 Jahre alt.

Sie hat Zeit.

Und Zeit in Verbindung mit Aktien und dem Zinseszinseffekt ist eines der mächtigsten Instrumente des langfristigen Vermögensaufbaus.

Dafür müssen wir allerdings eines tun:

Wir müssen anfangen. Und wir müssen investieren.

Den vollständigen Depotcheck mit allen Details zu Saras Portfolio können Sie HIER in der Süddeutschen Zeitung nachlesen (leider hinter der Paywall).

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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