Das teure
Dividenden-Missverständnis


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Veröffentlicht am 4. Oktober 2026

Diese Woche war Nvidia, das wertvollste Unternehmen der Welt, mal wieder in den Schlagzeilen.

Aufgrund des KI-Booms sprudeln bei Nvidia die Gewinne. Im Jahr 2025 lag der Gewinn vor Steuern bei 85 Milliarden US-Dollar. Dieses Jahr könnten es 141 Milliarden US-Dollar werden.

Diese Gewinne stehen natürlich den Aktionären von Nvidia zu. Anstatt hohe Dividenden zu zahlen, verfolgt Nvidia, so wie viele US-Aktiengesellschaften, eine andere Strategie, um Geld an seine Aktionäre auszuschütten: Aktienrückkäufe.

Nvidia kündigte diese Woche den größten Aktienrückkauf aller Zeiten an. Insgesamt will das Unternehmen weitere 150 Milliarden US-Dollar seiner eigenen Aktien durch Aktienrückkäufe vom Markt nehmen. Zusammen mit den bereits bestehenden Programmen summieren sich die Rückkäufe auf rund 235 Milliarden US-Dollar. Den bisherigen Rekord hielt Apple mit 110 Milliarden US-Dollar aus dem Jahr 2024.

Zur Einordnung: Nvidia hat einen Börsenwert von rund 4.900 Milliarden Euro. Das wertvollste börsengehandelte Unternehmen Deutschlands ist aktuell SAP mit einem Marktwert von 220 Milliarden Euro. Alle deutschen Unternehmen, die im DAX 40 gebündelt sind, haben einen gemeinsamen Marktwert von rund 2.000 Milliarden Euro.

Im heutigen Beitrag beleuchte ich, warum vermögende Anleger auf Dividendenzahlungen verzichten sollten, auch wenn dies zunächst kontraintuitiv wirkt. Und warum Aktienrückkäufe für Anleger in vielen Fällen die bessere Form der Ausschüttung sind.

Die Dividendenstrategie: Beliebt, aber oft ein Irrweg

Eine der beliebtesten Strategien bei der Aktienanlage ist die sogenannte Dividendenstrategie.

Die Idee klingt einfach: Man kauft Aktien mit hohen Dividenden, lässt sich diese jedes Jahr auszahlen und lebt von den Erträgen. Das Vermögen bleibt unangetastet, das Konto füllt sich regelmäßig. Wer mag das nicht?

In meinen Depotanalysen begegnet mir diese Strategie sehr häufig. Zum Beispiel in Form von Einzelaktien mit starkem Deutschland-Fokus oder aber auch mit speziellen Dividendenfonds, wie dem DWS Top Dividende, dem größten deutschen Aktienfonds.

Das Problem: Eine hohe Dividendenrendite ist kein Qualitätsmerkmal für eine Aktie. Sie entsteht nicht selten, weil der Aktienkurs gefallen ist. Fällt eine Aktie von 100 auf 60 Euro und die Dividende bleibt bei drei Euro, steigt die Dividendenrendite von drei auf fünf Prozent. Auf dem Papier sieht die Aktie attraktiver aus. Tatsächlich ist das Investment schlechter geworden.

Entscheidend ist deshalb nicht die Dividende allein, sondern die Gesamtrendite, der sogenannte Total Return. Er setzt sich aus Kursentwicklung und Dividenden zusammen. Nur er zeigt, wie viel Vermögen tatsächlich entstanden ist.

Der Praxistest: Deutschlands Dividendenkönige seit 2023

Wie groß der Unterschied zwischen Dividendenrendite und Gesamtrendite sein kann, zeigt ein Blick auf die fünf DAX-40-Aktien mit der aktuell höchsten Dividendenrendite. Die Tabelle zeigt die Entwicklung vom 1. Januar 2023 bis heute. Beim Total Return sind die Dividenden (vor Steuern) wieder angelegt.

AktieDividendenrenditeKursentwicklung seit 1.1.2023Total Return seit 1.1.2023
Mercedes-Benz8,5 %-34 %ca. -10 %
BMW7,9 %-34 %ca. -14 %
Volkswagen Vz.7,3 %-39 %ca. -19 %
Vonovia7,2 %-21 %ca. -5 %
Porsche SE5,9 %-50 %ca. -39 %
Zum Vergleich: DAX82 %82 %

Stand: 30.09.2026. Dividendenrendite = Dividenden der letzten zwölf Monate im Verhältnis zum aktuellen Kurs. Der DAX ist ein Performanceindex, Dividenden sind darin bereits enthalten. Die Porsche SE ist seit Juni 2026 im MDAX.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Alle fünf Aktien haben seit Anfang 2023 deutlich an Wert verloren. Selbst mit allen Dividenden liegen die Anleger im Minus, bei der Porsche SE mit fast 40 Prozent. Der DAX insgesamt hat im selben Zeitraum über 80 Prozent zugelegt.

Die hohen Dividendenrenditen sind hier kein Zeichen von Stärke. Sie sind vor allem die Folge stark gefallener Kurse. Bei Mercedes-Benz, Volkswagen und der Porsche SE wurde die Dividende zudem in den vergangenen zwei Jahren deutlich gekürzt.

Die Gegenprobe: Fünf Top-Aktien ohne nennenswerte Dividende

Nun dieselbe Tabelle für fünf US-Technologiekonzerne, die kaum Dividende zahlen, aber in großem Umfang eigene Aktien zurückkaufen. Damit der Vergleich fair ist, habe ich die Werte in Euro umgerechnet. Der schwächere US-Dollar ist also bereits berücksichtigt.

AktieDividendenrendite*Kursentwicklung seit 1.1.2023 in EURTotal Return seit 1.1.2023 in EUR 
Apple0,3 %+138 %ca. +144 %
Microsoft0,7 %+99 %ca. +106 %
Nvidia0,2 %+1.361 %ca. +1.365 %
Alphabet0,3 %+263 %ca. +267 %
Meta0,3 %+477 %ca. +464 %
Zum Vergleich: MSCI World*+78 %ca +88 %

Stand: 30.09.2026. *MSCI World Net Total Return Index in EUR

Die Dividendenrenditen dieser Top-Aktien liegen zwischen 0,2 und 0,7 Prozent. Nach der Logik der Dividendenstrategie wären diese Aktien uninteressant. Trotzdem hat sich das eingesetzte Kapital bei jedem dieser Unternehmen seit 2023 mindestens verdoppelt. Bei Nvidia hat es sich mehr als verzehnfacht.

Zur Einordnung: Diese fünf Aktien sind die großen Gewinner der vergangenen Jahre. Mit dem Wissen von heute lässt sich leicht eine beeindruckende Tabelle zusammenstellen. Ich empfehle deshalb ausdrücklich nicht, jetzt gezielt diese Einzelaktien zu kaufen.

Die Botschaft ist eine andere: Die erfolgreichsten Unternehmen der Welt schütten ihre Gewinne selten als hohe Dividende aus. Wer nur auf die Dividendenrendite schaut, sortiert sie systematisch aus. Selbst ein breit gestreuter ETF auf den MSCI World hat im selben Zeitraum in Euro rund 88 Prozent erzielt und damit jede der fünf deutschen Dividendenaktien weit hinter sich gelassen.

Der Steuernachteil der Dividende

Hinzu kommt ein Punkt, der in der Dividendendiskussion regelmäßig unter den Tisch fällt: Dividenden werden sofort besteuert. Jede Ausschüttung wird mit 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag belastet, zusammen 26,375 Prozent, gegebenenfalls zuzüglich Kirchensteuer.

Das gilt auch dann, wenn der Anleger das Geld gar nicht braucht und direkt wieder anlegt. Wieder angelegt wird dann nur noch der Nettobetrag, nachdem das Geld einen kurzen aber teuren Ausflug zum Finanzamt gemacht hat.

Warum Aktienrückkäufe oft die bessere Ausschüttung für vermögende Anleger sind

Ein Unternehmen, das Gewinne an seine Aktionäre zurückgeben möchte, hat zwei Möglichkeiten. Es kann eine Dividende zahlen. Oder es kauft eigene Aktien an der Börse zurück und zieht sie aus dem Verkehr. Für den Aktionär hat die zweite Variante drei entscheidende Vorteile.

  1. Flexibilität: Der Anleger bestimmt, wann Steuern anfallen. Wer seine Aktien behält, zahlt beim Rückkauf keinen Cent Steuern. Der Wertzuwachs zeigt sich im Kurs und wird erst besteuert, wenn der Anleger verkauft. Bis dahin arbeiten die nicht gezahlten Steuern im Depot weiter. Wer Geld braucht, verkauft einfach einen kleinen Teil seiner Aktien. Zu dem Zeitpunkt und in der Höhe, die zu ihm passen.
  2. Jede verbleibende Aktie wird mehr wert. Werden Aktien vom Markt genommen, verteilt sich der Gewinn des Unternehmens auf weniger Anteile. Der Gewinn je Aktie steigt und damit der Anteil jedes Aktionärs am Unternehmen. Apple hat die Zahl seiner Aktien auf diese Weise seit 2013 um mehr als 40 Prozent verringert. Wer damals Apple-Aktien besaß, ist heute an einem deutlich größeren Teil des Unternehmens beteiligt, ohne einen Euro nachgekauft zu haben.
  3. Mehr Flexibilität für das Unternehmen. Eine einmal eingeführte Dividende gilt als implizites Versprechen. Wird sie gekürzt, reagiert der Markt oft mit Kursverlusten. Rückkäufe lassen sich dagegen an die Geschäftslage anpassen. In guten Jahren wird mehr zurückgekauft, in schwierigen Jahren weniger. Das Unternehmen muss kein Geld ausschütten, das es eigentlich für Investitionen braucht.

Was das in Zahlen bedeutet

Wie groß der Unterschied über die Jahre werden kann, zeigt eine einfache Modellrechnung. Ein Anleger investiert 1 Million Euro in Aktien mit einer Gesamtrendite von 8 Prozent pro Jahr.

Im ersten Fall besteht diese Rendite zur Hälfte aus Dividenden, die jedes Jahr versteuert und netto wieder angelegt werden. Im zweiten Fall gibt das Unternehmen dasselbe Geld über Aktienrückkäufe zurück, die gesamte Rendite zeigt sich im Kurs.

Nach 20 Jahren und nach Abzug aller Steuern, einschließlich der Steuer beim Verkauf, stehen im ersten Fall rund 3,4 Millionen Euro zur Verfügung. Im zweiten Fall sind es rund 3,7 Millionen Euro. Der Unterschied von knapp 300.000 Euro entsteht allein durch den Zeitpunkt der Besteuerung.

Aber: Nicht jeder Rückkauf schafft Wert

Aktienrückkäufe sind kein Allheilmittel. Kauft ein Unternehmen seine Aktien zu überhöhten Preisen zurück, vernichtet es Aktionärsvermögen. Außerdem dient ein Teil der Rückkäufe bei vielen Technologiekonzernen dazu, die Aktien auszugleichen, die als Vergütung an Mitarbeiter ausgegeben werden. Die Zahl der Aktien sinkt dann weniger stark, als die Schlagzeile vermuten lässt.

Auch bei Nvidia wird sich erst in einigen Jahren zeigen, ob der Rekord-Rückkauf zu einem guten Preis erfolgt ist. Das Management signalisiert damit vor allem eines: Vertrauen in die eigene Ertragskraft.

Fazit: Entscheidend ist, was am Ende ankommt

Eine hohe Dividende fühlt sich gut an. Man sieht das Geld auf dem Konto. Doch das Gefühl täuscht. Hohe Dividendenrenditen sind kein Qualitätsmerkmal, und Dividenden sind die steuerlich teuerste Form, Gewinne an Aktionäre weiterzugeben.

Die Zahlen seit Anfang 2023 sprechen eine deutliche Sprache. Die fünf DAX-Aktien mit den höchsten Dividendenrenditen haben ihren Anlegern trotz aller Ausschüttungen Verluste beschert. Die großen Rückkäufer aus den USA haben das eingesetzte Kapital dagegen mindestens verdoppelt.

Dies lässt sich auch bei der Wertentwicklung des DWS Top Dividende (DE0009848119) beobachten. In den vergangenen 10 Jahren hat dieser um 92 % zugelegt. Ein ETF auf den MSCI World (zum Beispiel IE00B4L5Y983) ist im selben Zeitraum um 233 % gestiegen.

Für vermögende Anleger, die ein regelmäßiges Einkommen aus ihrem Depot benötigen, gibt es eine bessere Lösung als die Dividendenstrategie: ein breit gestreutes, thesaurierendes Portfolio, aus dem gezielt und steuerlich geplant entnommen wird. So gehe ich vor.

Entscheidend ist nicht die Höhe der Ausschüttung. Entscheidend ist der Total Return nach Steuern.

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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