Es ist nie zu spät, mit dem Investieren anzufangen
Die aktuellen Diskussionen um die geplante Rentenreform und das Altersvorsorgedepot haben viele Menschen dazu gebracht, ihre finanzielle Situation und ihre Ruhestandsplanung auf den Prüfstand zu stellen.
Das oft ernüchternde Ergebnis: Es wurde bisher deutlich weniger Vermögen aufgebaut, als erwartet bzw. als in Aussicht gestellt wurde. Vor allem dann, wenn Lebens- und Rentenversicherungen bei der Geldanlage zum Einsatz gekommen sind.
Wir haben in den vergangenen 10 Jahren über 4.000 dieser Verträge begutachtet. Die Erkenntnis: 92 Prozent der geprüften Verträge waren finanziell suboptimal oder sogar schädlich. Unsere Erfahrungen decken sich mit einer Studie des Marktwächter Finanzen, der vor einigen Jahre ermittelte, dass 77 Prozent aller Privatanleger mindestens ein Finanzprodukt verkauft wurde, das nicht bedarfsgerecht war.
Nach dem Schock, dass teilweise jahrzehntelang falsch angelegt wurde, folgt oft die Resignation. Vor allem Anleger Ü50 denken, dass es zu spät sei gegenzusteuern.
Doch das ist ein gefährlicher und teurer Irrtum. Auch in der zweiten Lebenshälfte lassen sich noch erhebliche Vermögen aufbauen. Das größte Risiko besteht nicht darin, zu spät anzufangen – sondern gar nicht anzufangen.
Vor Kurzem wurde ich gebeten, für die „Depotcheck“-Serie der Süddeutschen Zeitung das Portfolio von Verena zu analysieren. Ihr Fall ist typisch für viele Menschen ihrer Generation.
Verena ist 46 Jahre alt und besitzt ein fast abbezahltes Haus. Auf den ersten Blick eine komfortable Situation. Doch beim Blick auf ihre Altersvorsorge wird sie nachdenklich.
Weil sie lange selbstständig war, hat sie vergleichsweise wenig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Nach heutigem Stand erwartet sie lediglich rund 1.200 Euro gesetzliche Rente. Sie hat zwar zusätzlich eine kleine Betriebsrente und einen Riestervertrag. Trotzdem befürchtet sie, gemeinsam mit ihrem Mann ihren heutigen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können.
Ihr Wunsch ist dabei keineswegs extravagant. Sie möchte auch als Rentnerin noch essen gehen können, ohne darüber nachdenken zu müssen, und gelegentlich verreisen.
Das eigentliche Problem liegt an einer anderen Stelle: Verena hat durchaus Vermögen angespart. Aber sie hat bisher kaum investiert.
Neben einem Notgroschen von rund 40.000 Euro verfügt sie über etwa 150.000 Euro, die derzeit auf Sparkonten liegen. Ihr Wertpapierdepot ist dagegen nur rund 10.000 Euro groß. Der Aktienanteil ihrer liquiden Mittel beträgt somit gerade einmal rund sechs Prozent.
Sparen allein reicht nicht
Deutschland ist das Land der Sparer. Kaum eine Nation legt mehr Geld zur Seite als wir. Über viele Jahre galt das Sparbuch in Deutschland als Inbegriff finanzieller Vernunft. Wer regelmäßig Geld zurücklegte, galt als vorsichtig und verantwortungsbewusst.
Doch Sparen und Investieren sind zwei unterschiedliche Dinge.
Wer 100.000 Euro auf einem Konto liegen lässt, besitzt im nächsten Jahr 100.000 Euro plus Zinsen. Entscheidend ist aber nicht nur, welche Zahl auf dem Kontoauszug steht, sondern was man sich davon noch kaufen kann.
Und genau hier kommt die Inflation ins Spiel.
Anfang des Jahres lag die deutsche Inflationsrate bei unter 2 Prozent. Im August 2026 betrug die Inflation 2,9 Prozent. Vor allem Dank Donald Trump und seinem Iran-Krieg.
Drei Prozent Inflation klingt zunächst überschaubar.
Über längere Zeiträume ist der Effekt jedoch gewaltig.
Bei einer Inflation von drei Prozent haben 100.000 Euro nach 20 Jahren nur noch eine Kaufkraft von rund 55.000 Euro, gemessen in heutigem Geld.
Fast die Hälfte der Kaufkraft ist verschwunden.
Das ist einer der Gründe, weshalb Tagesgeld, Festgeld und das Sparbuch keine risikolose Anlagestrategie sind.
Nicht investieren ist auch eine Anlageentscheidung
Die Finanzmarktforschung der vergangenen 100 Jahre ist zu einem klaren Ergebnis gekommen: Aktien sind mit Abstand die rentabelste Geldanlage für Privatanleger gewesen.
Leider denken die meisten Menschen bei Aktien vor allem an „Risiko“ oder „Spekulation“.
Nicht an Gewinn, Vermögensaufbau und Inflationsschutz.
Aktien können fallen. Ein Weltaktienindex kann in einer schweren Krise 30, 40 oder sogar 50 Prozent verlieren. Diese Schwankungen sind real und niemand sollte sie unterschätzen.
Wer aber aus Angst vor Kursschwankungen sein gesamtes Vermögen über Jahrzehnte auf Tagesgeldkonten hält, entscheidet sich deshalb keineswegs gegen Risiko.
Er entscheidet sich lediglich für eine andere Form von Risiko.
Und zwar das Risiko, den gewohnten Lebensstil im Alter nicht aufrecht erhalten zu können, weil man nicht genug Vermögen aufgebaut hat.
Zu wenig Vermögen zu haben wird einen in Deutschland wahrscheinlich nicht umbringen. Aber man stirbt eventuell den sozialen Tod. Während die Freunde verreisen oder Essen gehen muss man selbst zu Hause bleiben.
Mit 46 Jahren ist Verena keineswegs zu spät dran
Die vielleicht wichtigste Botschaft aus Verenas Depotcheck lautet deshalb: Es ist noch sehr viel Zeit vorhanden.
Bis zu ihrem regulären Renteneintritt hat Verena mehr als 20 Jahre. Danach beträgt ihre statistische Lebenserwartung weitere 17 Jahre.
Insgesamt hat Verena einen erwarteten Anlagehorizont von 35 bis 40 Jahren.
In meinem Depotcheck für die Süddeutsche Zeitung habe ich deshalb verschiedene Szenarien berechnet. Verena könnte rund 160.000 Euro ihrer liquiden Mittel investieren. Zusätzlich spart sie momentan 200 Euro pro Monat.
Bei einer moderaten Aktienquote von 40 Prozent und einer angenommenen durchschnittlichen Rendite von fünf Prozent pro Jahr könnten daraus nach 20 Jahren ungefähr 500.000 Euro werden.
Bei einer Aktienquote von 80 Prozent und einer angenommenen Rendite von sieben Prozent wären es sogar mehr als 700.000 Euro.
Und es gibt noch einen weiteren Hebel: die Sparrate.
Falls Verena ihre monatliche Sparrate von 200 auf 500 Euro erhöhen könnte, ergäbe sich bei denselben Annahmen nach 20 Jahren ein Vermögen von etwa 630.000 beziehungsweise 870.000 Euro.
Und was ist mit jemandem, der bereits 60 ist?
An dieser Stelle höre ich häufig einen Einwand: Verena ist erst 46. Was ist mit jemandem, der mit 60 feststellt, dass er zu wenig für den Ruhestand getan hat?
Auch dann lautet meine Antwort: anfangen.
Natürlich wäre es besser gewesen, mit 30 zu beginnen.
Aber die vergangenen 30 Jahre kann niemand zurückholen.
Die kommenden 20 Jahre kann man sehr wohl beeinflussen.
Denn mit 60 endet der Anlagehorizont nicht.
Ein heute 60-Jähriger hat statistisch betrachtet gute Chancen, noch zwei Jahrzehnte oder länger zu leben. Und sein gesamtes Vermögen wird schließlich nicht am 67. Geburtstag benötigt.
Ein Teil des Geldes wird vielleicht mit 70 gebraucht. Ein anderer Teil erst mit 80. Wieder ein anderer Teil möglicherweise überhaupt nicht.
Deshalb halte ich auch die alte Faustformel „Aktienquote gleich 100 minus Lebensalter“ für überholt.
Nach dieser Regel dürfte ein 60-Jähriger lediglich 40 Prozent Aktien besitzen, ein 70-Jähriger 30 Prozent.
Das ist viel zu pauschal.
Die richtige Aktienquote hängt nicht vom Geburtsdatum ab, sondern unter anderem vom Vermögen, den laufenden Ausgaben, sicheren Renteneinkünften, dem Liquiditätsbedarf, der Risikobereitschaft und vor allem vom tatsächlichen Anlagehorizont.
Ein vermögender 65-Jähriger, dessen laufende Ausgaben bereits vollständig durch Rente und andere sichere Einkünfte gedeckt sind, kann unter Umständen eine sehr hohe Aktienquote halten.
Warum sollte er sein langfristiges Vermögen nur deshalb defensiv investieren, weil er 65 geworden ist?
Die Babyboomer gehen in Rente – und brauchen ihr Vermögen länger als gedacht
Diese Frage wird in den kommenden Jahren für Millionen Deutsche relevant.
Die geburtenstarken Jahrgänge erreichen den Ruhestand. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Aus einer Altersvorsorge für vielleicht zehn oder 15 Jahre ist längst eine Finanzplanung geworden, die häufig mehrere Jahrzehnte abdecken muss.
Und diese Jahrzehnte müssen finanziert werden.
Dabei geht es nicht nur um Reisen, Restaurants oder ein schönes Auto.
Es geht zunehmend auch um einen der größten finanziellen Unsicherheitsfaktoren des Alters: Pflege.
Die Kosten dafür steigen erheblich. Wer pflegebedürftig wird, kann trotz gesetzlicher Pflegeversicherung mit beträchtlichen Eigenanteilen konfrontiert werden.
Wer die finanziellen Möglichkeiten besitzt, sollte darüber nachdenken, auch im Alter Reserven aufzubauen und vorhandenes Vermögen weiter produktiv arbeiten zu lassen.
Denn niemand weiß mit 65, wie viel Geld er mit 85 benötigen wird.
Vermögen bedeutet Freiheit
Für mich ist das letztlich der wichtigste Grund, auch in der zweiten Lebenshälfte weiter zu investieren.
Vermögen ist keine Zahl in einer Banking-App.
Vermögen bedeutet Freiheit.
Die Freiheit, im Ruhestand weiterhin reisen zu können.
Die Freiheit, die eigene Wohnung altersgerecht umzubauen.
Die Freiheit, den Kindern oder Enkeln helfen zu können.
Die Freiheit, sich im Pflegefall eine gute Versorgung leisten zu können.
Und die Freiheit, finanzielle Entscheidungen treffen zu können, ohne bei jeder größeren Ausgabe Angst haben zu müssen, ob das Geld bis zum Lebensende reicht.
Je größer das eigene Vermögen ist, desto größer wird dieser Handlungsspielraum.
Deshalb halte ich es für einen Fehler, ab einem bestimmten Alter nur noch darüber nachzudenken, wie man das vorhandene Kapital möglichst sicher konserviert.
Es darf und sollte – sofern die persönliche Situation dies zulässt – weiter wachsen.
Nichtstun ist keine Option
Vielleicht hat man mit 25 nicht angefangen.
Vielleicht auch nicht mit 35.
Und vielleicht stellt man erst mit 50 oder 60 fest, dass zu viel Geld seit Jahren auf dem Konto liegt und die Altersvorsorge nicht ausreicht.
Dann hilft es nicht, den verpassten Jahren hinterherzutrauern.
Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern.
Die Zukunft schon.
Wer heute 50 ist, kann noch Jahrzehnte investieren. Wer heute 60 ist, hat ebenfalls einen erheblichen Anlagehorizont. Selbst mit 70 kann ein Teil des Vermögens noch zehn, 15 oder 20 Jahre investiert bleiben.
Natürlich verändert sich mit zunehmendem Alter die Vermögensstruktur. Kurzfristig benötigtes Geld gehört nicht an die Börse. Eine ausreichende Liquiditätsreserve und sichere Anlagen bleiben wichtig.
Es ist nie zu spät, mit dem Investieren anzufangen.
Je früher, desto besser.
Aber auch ältere Anleger können noch erstaunlich viel erreichen.
Denn am Ende geht es bei Geldanlage nicht darum, den höchsten Depotstand zu erzielen.
Es geht darum, sich Möglichkeiten zu schaffen.
Und genau das ist Vermögen:
Freiheit.
Den vollständigen Depotcheck mit allen Details zu Verenas Portfolio können Sie HIER in der Süddeutschen Zeitung nachlesen (hinter der Paywall).
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
