Die Süddeutsche Zeitung hat mich gebeten, ein weiteres Privatanleger-Depot zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu machen.
Dieses Mal ging es um einen Anleger, der sich selbst ein ETF-Portfolio zusammengestellt hatte. Seine Fragen:
- Sind die Kosten meiner ETFs ok?
- Bespare ich die richtigen ETFs?
Bei meiner Analyse stellte sich schnell heraus, dass es deutlich wichtigere Fragen gab, die vorab beantwortet werden sollten. Und dass der Anleger unbewusst ein Opfer des „Fahrradschuppen-Syndroms“ geworden zu sein schien.
Das Fahrradschuppen-Syndrom
Der Begriff Fahrradschuppen-Syndrom (englisch: Bikeshedding – auch als Parkinsons Gesetz der Belanglosigkeit bekannt) – geht auf den britischen Historiker Cyril Northcote Parkinson zurück. Er beobachtete bereits 1957 ein erstaunliches Phänomen:
Menschen verbringen unverhältnismäßig viel Zeit mit einfachen und vertrauten Themen, während sie die wirklich wichtigen und komplexen Entscheidungen kaum diskutieren.
Als Beispiel zog Parkinson ein fiktives Komitee heran, das damit beauftragt war, ein neues Kraftwerk zu bewilligen. Anstatt über das wichtige, aber sehr komplexe Hauptthema (das Kraftwerk) zu sprechen, beschäftigte sich das Komitee hauptsächlich mit der Farbe und den Materialien des Fahrradschuppens, der neben dem Kraftwerk errichtet werden sollte.
Denn: Über die Farbe eines Fahrradschuppens kann jeder mitreden.
Über die Konstruktion eines Kraftwerks dagegen nur wenige.
Das Ergebnis: In Unternehmen – und ebenso bei privaten Anlegern – fließt ein Großteil der Aufmerksamkeit in Themen, die kaum Einfluss auf das Endergebnis haben. Die wirklich entscheidenden Fragen werden dagegen oft vernachlässigt.
Anleger tappen regelmäßig in diese Falle
Nach mehr als 25 Jahren im Investmentgeschäft begegnet mir dieses Muster immer wieder.
Anleger beschäftigen sich wochenlang mit Fragen wie:
- Soll ich ETF A oder ETF B kaufen?
- Sollte ich mein Währungsrisiko absichern?
- Wie hoch darf meine Gesamtkostenquote sein?
- Welche Dividendenaktie bietet die höchste Rendite?
- Sollte ich heute investieren oder lieber nächste Woche?
All diese Fragen sind interessant.
Sie entscheiden jedoch nur selten über den langfristigen Anlageerfolg.
Die wirklich wichtigen Fragen werden dagegen erstaunlich selten gestellt:
- Halte ich zu viel Liquidität?
- Passt mein Portfolio zu meinem Anlagehorizont?
- Wie werde ich mich während eines Börsencrashs verhalten?
- Gehe ich ausreichend Risiko ein, um die Inflation langfristig zu schlagen?
- Welcher Anteil meines Vermögens sollte überhaupt in Aktien investiert sein?
Genau diese Entscheidungen bestimmen den langfristigen Vermögensaufbau.
Die Vermögensaufteilung entscheidet über den Anlageerfolg
Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen kommen seit Jahrzehnten zum gleichen Ergebnis:
Die Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen – die sogenannte Asset Allocation – ist der mit Abstand wichtigste Erfolgsfaktor eines Portfolios.
Nicht die Auswahl einzelner Aktien. Nicht Market Timing. Nicht der „perfekte“ ETF.
Die entscheidende Frage lautet: Welche Anlageklassen besitze ich überhaupt?
Bei meiner Depotanalyse stellte sich heraus: Der Leser der Süddeutschen Zeitung hielt mehr als die Hälfte seines Vermögens als „Notgroschen“ in niedrig verzinstem Festgeld. Womit er seinen Vermögensaufbau massiv behinderte.
Die wichtigsten liquiden Anlageklassen im Überblick
Jede Geldanlage gehört einer bestimmten Anlageklasse an. Jede bietet unterschiedliche Renditechancen und geht mit unterschiedlichen Risiken einher.
| Anlageklasse | Erwartete langfristige Jahresrendite* | Wesentliches Risiko |
| Tagesgeld und Festgeld | 1 bis 3 % | Kaufkraftverlust durch Inflation |
| Staatsanleihen | 2 bis 4 % | Inflation und Zinsänderungsrisiko |
| Unternehmensanleihen | 3 bis 6 % | Bonitätsrisiko und Zinsänderungsrisiko |
| Aktien | 7 bis 10 % | Stress durch Kursschwankungen |
*Langfristige historische Durchschnittswerte. Sie stellen keine Garantie für zukünftige Renditen dar.
Die Zusammenhänge sind eindeutig: Je höher die erwartete Rendite, desto größer sind in der Regel auch die zwischenzeitlichen Schwankungen. Wobei Schwankungen in der Vergangenheit fast immer kurzfristiger Natur waren und sich die Börsen stets erholt haben.
Das unterschätzte Risiko hoher Barmittel-Bestände
Viele Anleger empfinden Bargeld oder Tagesgeld als besonders sicher.
Nominal stimmt das.
Der Kontostand schwankt kaum.
Die eigentliche Gefahr liegt jedoch woanders.
Liegt die Inflationsrate beispielsweise langfristig bei 3 %, das Tagesgeld bringt aber nur 2 %, verliert das Vermögen Jahr für Jahr an Kaufkraft.
Dieser Verlust geschieht langsam und nahezu unbemerkt. Genau deshalb wird er häufig unterschätzt. Das Fehlen von Kursschwankungen wird mit Sicherheit verwechselt.
Dabei kann gerade Bargeld langfristig eine der riskantesten Anlageformen sein.
Warum Anleger trotzdem zu viel Liquidität halten
Die Gründe liegen weniger in der Mathematik als in der Psychologie.
Cash vermittelt Sicherheit.
Der Kontostand verändert sich kaum.
Es gibt keine dramatischen Schlagzeilen.
Keine roten Zahlen im Depot.
Aktien dagegen schwanken täglich.
Unser Gehirn interpretiert diese Schwankungen intuitiv als Gefahr.
Langfristig ist jedoch häufig genau das Gegenteil der Fall:
Die vermeintlich sichere Anlage kann das größere Risiko darstellen.
Für die meisten Anleger sind Kursschwankungen nicht das Hauptrisiko. Das größte Risiko ist, zu wenig Aktien zu haben, so dass das Vermögen nicht vor Kaufkraftverlust geschützt ist.
Warum Aktien alternativlos sind
Wer Aktien kauft, beteiligt sich an Unternehmen, z. B. Apple, Nvidia oder Samsung.
Unternehmen entwickeln neue Produkte. Sie steigern ihre Produktivität. Sie erhöhen ihre Preise und steigern ihren Umsatz. Sie erwirtschaften Gewinne.
Und genau diese Gewinne schaffen über Jahrzehnte Vermögen.
Deshalb haben Aktien langfristig deutlich höhere Renditen erzielt als Bargeld oder Festgeld.
Nicht weil Aktien „magisch“ wären. Sondern weil Unternehmen wirtschaftlichen Mehrwert schaffen. An dem die Aktionäre beteiligt werden. Mit Gewinnausschüttungen und steigenden Aktienkursen.
Liquidität bleibt wichtig
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Anleger vollständig auf Barmittel verzichten sollten. Liquidität erfüllt wichtige Aufgaben:
- als Notfallreserve,
- zur Reduzierung der Schwankungen eines Portfolios,
- zur Finanzierung geplanter Ausgaben in den nächsten Jahren,
Das Halten von Barmitteln ist keine Anlagestrategie. Es unterstützt die Anlagestrategie.
Wie viele Barmittel sollte man halten?
Ich habe einige Jahre im DIN-Normenausschuss an DIN-Normen für Geldanlage mitgearbeitet und war an der Entwicklung der DIN 77230 (Finanzanalyse für Privathaushalte) beteiligt.
Diese Norm empfiehlt einen Notgroschen von drei bis sechs Monatsgehältern. Der Leser der Süddeutschen Zeitung hatte jedoch einen Notgroschen, der um das 20-fache seines Monatsgehalts lag. Also viel zu viel. Rund die Hälfte seines Vermögens war unproduktiv angelegt.
Deshalb meine Empfehlung an ihn: Notgroschen reduzieren und das Geld ins ETF-Portfolio investieren. Dadurch würde sich sein langfristiger Vermögensaufbau deutlich beschleunigen.
Konzentrieren Sie sich auf die Entscheidungen, die wirklich zählen
Jeder Anleger verfügt nur über begrenzte Zeit und Aufmerksamkeit.
Nutzen Sie beides dort, wo es den größten Unterschied macht.
Statt sich zu fragen:
- Welcher ETF ist 0,05 % günstiger?
- Welche Dividendenaktie zahlt nächsten Monat aus?
- Sollte ich noch auf den nächsten Börsenrückgang warten?
stellen Sie sich lieber folgende Fragen:
- Frisst die Inflation langsam meine Kaufkraft auf?
- Besitze ich genügend produktive Vermögenswerte?
- Ist mein Aktienanteil hoch genug, um meine langfristigen Ziele zu erreichen?
Diese Fragen entscheiden über Ihren Vermögensaufbau.
Nicht die Farbe des Fahrradschuppens.
Fazit
Der größte Fehler vieler Anleger besteht nicht darin, die falsche Aktie oder den falschen ETF zu kaufen.
Er besteht darin, sich auf Entscheidungen zu konzentrieren, die kaum Einfluss auf den langfristigen Anlageerfolg haben, während die wirklich entscheidenden Fragen unbeachtet bleiben.
Erfolgreiche Investoren wissen:
Die Aufteilung des Vermögens auf die richtigen Anlageklassen ist wichtiger als die Auswahl einzelner Wertpapiere.
Der beste ETF der Welt kann ein Portfolio mit einem dauerhaft zu hohen Anteil an Tages- oder Festgeld nicht retten.
Der Schlüssel zu langfristigem Vermögensaufbau liegt nicht darin, die perfekte Geldanlage zu finden.
Er liegt darin, ausreichend produktive Vermögenswerte zu besitzen – und ihnen genügend Zeit zu geben, damit der Zinseszinseffekt seine Wirkung entfalten kann.
Hier der Link zum vollständigen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung (leider hinter der Paywall).
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
