Wenn ich Wertpapier-Portfolios analysiere, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Depot-Check-Serie der Süddeutschen Zeitung (hier klicken), stoße ich regelmäßig auf eine zweistellige Anzahl von Wertpapierfonds. Viele davon tragen exotische Namen.
Zum Beispiel „Future Champions“, „MegaTrends“, „Dynamic Opportunities“ oder „Top Dividende“.
Bei diesen Fonds handelt es sich um sogenannte Themenfonds. Ein Themenfonds ist ein Investmentfonds, der gezielt in Unternehmen investiert, die von einem bestimmten langfristigen Trend („Thema“) profitieren sollen.
Die Idee dahinter ist einfach – und zugleich äußerst verführerisch. Menschen lieben Geschichten. Sie fühlen sich von starken Narrativen angezogen: Künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien, Blockchain, demografischer Wandel.
Diese Themen versprechen, die Zukunft des wirtschaftlichen Wachstums abzubilden. Wer die Gewinner von morgen heute identifiziert, sollte überdurchschnittliche Renditen erzielen können. So zumindest die Annahme.
Genau deshalb hat thematisches Investieren in den vergangenen Jahren enorme Kapitalzuflüsse erlebt. Es bietet etwas, das klassische Diversifikation nicht liefern kann: eine Geschichte, eine Vision – und die Illusion von Kontrolle.
Das Problem dabei: Es gibt aktuell allein über 500 thematische ETFs in Deutschland. Von „Aktienrückkauf“ bis „Wasserstoff“. Und alle davon klingen im Kern plausibel.
Warum Anleger thematische Investments wählen
Im Kern basiert thematisches Investieren auf einem einzigen Ziel: Outperformance.
Anleger investieren nicht in Themen, um breiter aufgestellt zu sein. Sie tun es, um den Markt zu schlagen. Die Logik ist dabei fast immer dieselbe: Man identifiziert einen strukturellen Trend. Investiert in Unternehmen, die davon profitieren. Und vereinnahmt überdurchschnittliches Wachstum.
Dieses Vorgehen passt nahtlos zur Funktionsweise der klassischen Finanzindustrie. Denn diese basiert nicht primär auf Evidenz. Sie basiert auf Storytelling und Stock-Picking, das heißt, dem Versuch die zukünftigen „Gewinneraktien“ zu finden, bevor es andere Anleger tun.
Asset Manager, Banken und Fondsanbieter verpacken Investmentideen kontinuierlich in eingängige Narrative. „Die Zukunft der Mobilität.“ „Die nächste digitale Revolution.“ „Die Energiewende als Jahrhundertchance.“ Diese Geschichten sind emotional ansprechend und leicht zu verkaufen. Sie vermitteln Anlegern das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Starkes Wachstum, schwache Performance
Aktuelle Analysen von Morningstar zeigen, wie erfolgreich der Verkauf dieser Fonds war:
- Das Volumen thematischer Fonds hat sich in fünf Jahren von 269 Milliarden auf 562 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt
- Während des Pandemie-Booms erreichten die verwalteten Vermögen sogar rund 892 Milliarden US-Dollar, bevor sie wieder deutlich zurückgingen
- Besonders in den Jahren 2020 und 2021 kam es zu einer Welle neuer Fondsauflagen – gefolgt von zunehmenden Schließungen
Das ist keine Geschichte von diszipliniertem, langfristigem Investieren. Es ist eine Geschichte von Zyklen, getrieben von Anlegerstimmung. Oder einfacher gesagt: Kapital fließt typischerweise erst dann in thematische Investments, wenn das Narrativ bereits populär geworden ist.
Entscheidend ist aus Anlegersicht allerdings nicht das Volumen. Entscheidend ist die Performance.
Und hier sind die Ergebnisse eindeutig:
- Nur rund 18 Prozent der thematischen Fonds schlagen kurzfristig ihre Benchmark
- Über 15 Jahre hinweg erzielen lediglich etwa 9 Prozent eine Outperformance
- Mehr als die Hälfte aller Fonds wird wegen Erfolglosigkeit geschlossen
Hinzu kommt: Thematische Fonds sind in der Regel teurer als breit diversifizierte Lösungen. Das ist zusätzlicher Gegenwind für die Rendite.
Warum thematisches Investieren strukturell scheitert
Diese Ergebnisse sind kein Zufall. Sie lassen sich auf eine Reihe struktureller Mechanismen zurückführen.
Der erste und vielleicht wichtigste Grund: Anleger kaufen die Geschichte oft zu spät. Sobald ein Thema breit genug bekannt ist, um als Fonds verpackt zu werden, haben die Märkte die Erwartungen in der Regel längst eingepreist.
Der zweite Grund liegt auf der Angebotsseite. Fondsanbieter legen neue Produkte nicht unbedingt dann auf, wenn die Bewertungen attraktiv sind. Sie tun es, wenn das Interesse der Anleger bereits entfacht ist.
Drittens erhöhen thematische Portfolios das Risiko durch hohe Konzentration. Statt breit über Regionen, Sektoren und Unternehmensgrößen zu diversifizieren, setzen Themenfonds auf einen engen Ausschnitt des Marktes. Wenn der Hype abnimmt, trifft es konzentrierte Portfolios besonders hart.
Viertens belasten höhere Kosten die Rendite zusätzlich. Thematische Fonds sind in der Regel teurer als breit diversifizierte Indexfonds. Diese Gebühren sind eine permanente Hürde, die Jahr für Jahr überwunden werden muss. Die wenigsten schaffen das dauerhaft.
Der fünfte Grund ist möglicherweise der tückischste: der Survivorship Bias. Fonds, die schlecht laufen, werden irgendwann geschlossen. Sie verschwinden aus den Datenbanken, aus den Ranglisten, aus der Wahrnehmung. Was sichtbar bleibt, sind die wenigen Überlebenden.
Und genau das verzerrt das Bild. Wer heute die Performance thematischer Fonds betrachtet, sieht nur diejenigen, die es geschafft haben. Die vielen Gescheiterten sind unsichtbar. Das kann den Eindruck erzeugen, thematisches Investieren funktioniere besser, als es tatsächlich der Fall ist.
Storytelling statt Evidenz
Thematisches Investieren ist kein Zufall und kein Einzelphänomen. Es ist das logische Ergebnis der Anreizstrukturen einer Industrie, die von Geschichten lebt.
Was gefördert wird:
- Narrative statt Daten
- Stock-Picking statt Diversifikation
- Kurzfristige Trends statt langfristiger Disziplin
Themen sind letztlich nichts anderes als verpackte Erzählungen. Sie vermitteln Anlegern das Gefühl von Kontrolle und Weitsicht. In Wirklichkeit führen sie häufig zu genau dem Verhalten, das langfristig Rendite kostet: Trends hinterherlaufen. Risiken konzentrieren. Höhere Kosten akzeptieren.
Fazit
Thematisches Investieren ist verlockend und menschlich. Es wirkt logisch. Es erscheint zukunftsorientiert.
Doch die empirische Evidenz zeichnet ein anderes Bild. Die Mehrheit der Fonds underperformt. Viele verschwinden wieder vom Markt. Nur wenige liefern dauerhaft bessere Ergebnisse. Keiner weiß vorher, welche dies sein werden.
Thematisches Investieren ist kein Anlagefehler aus Unwissenheit. Es ist das logische Ergebnis einer Finanzindustrie, die in vielen Fällen nicht von evidenzbasierter, neutraler Beratung lebt, sondern vom Geschichtenerzählen, vom Produktverkauf und von Transaktionskosten.
In Summe sprechen die Fakten gegen thematisches Investieren. Es ist meistens ein teures Märchen, das sich vor allem für diejenigen lohnt, die es erzählen.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
