Die Dividendensaison 2026 hat begonnen. Und wie fast jedes Jahr überschlagen sich die Schlagzeilen. Deutsche Aktiengesellschaften schütten 2026 höchstwahrscheinlich so viel Geld an ihre Aktionäre aus wie nie zuvor. Rund 55 bis 56 Milliarden Euro fließen an Anleger. Ein neuer Rekord.
Der Geldregen ist erst einmal ein Grund zur Freude. Vor allem wenn man bedenkt, dass sich die deutsche Wirtschaft seit Jahren in der Krise befindet und keine Besserung in Sicht ist.
Für mich ist die Dividendensaison allerdings auch ein Anlass, einen weit verbreiteten Irrtum geradezurücken. Denn die entscheidende Frage für Anleger ist nicht nur, wie viel Geld von den Unternehmen ausgeschüttet wird. Die Frage ist auch, was die Ausschüttungen für den tatsächlichen Anlageerfolg bedeuten.
Hohe Dividenden sind kein Qualitätsmerkmal
Auf den ersten Blick wirken hohe Dividendenausschüttungen attraktiv. Sie suggerieren stabile Erträge und einen verlässlichen Einkommensstrom. Das klingt nach Solidität. Und genau hier liegt nicht selten das Missverständnis.
Eine hohe Dividendenrendite ist kein Zeichen für Qualität. Sie ist oft das Gegenteil.
Sie kann entstehen, weil der Aktienkurs gefallen ist. Wenn eine Aktie von 100 auf 60 Euro fällt und weiterhin drei Euro Dividende zahlt, steigt die rechnerische Rendite von drei auf fünf Prozent. Die Rendite sieht besser aus als vorher. Das Investment ist schlechter geworden.
Eine hohe Dividendenrendite kann Ausdruck eines reifen oder schrumpfenden Geschäftsmodells sein. Unternehmen, die keine attraktiven Investitionsmöglichkeiten mehr finden, schütten aus, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Das ist kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von Ideenlosigkeit.
Und sie kann ein Hinweis darauf sein, dass dem Unternehmen die Wachstumsperspektive fehlt. Wer heute hohe Dividenden zahlt, investiert möglicherweise zu wenig in die Zukunft.
Deutsche Automobilhersteller als Beispiel
Einige der höchsten Dividendenrenditen im DAX kommen aus der Automobilindustrie. Gleichzeitig stehen genau diese Unternehmen unter erheblichem strukturellem Druck.
Die aktuellen Dividendenrenditen von Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen liegen bei fünf bis sechs Prozent. Optisch ist das beeindruckend. Für viele Anleger klingt das nach einem soliden Einkommensinvestment.
Doch die Realität dahinter ist eine andere.
Die Transformation zur Elektromobilität verschlingt Milliarden, ohne dass die Ertragsseite in gleichem Maße mitzieht. Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt wird zunehmend zum Problem, insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Verschiebungen und wachsender lokaler Konkurrenz. Und der Margendruck nimmt in einem sich verändernden Wettbewerbsumfeld stetig zu.
Das Resultat: Alle drei Hersteller haben ihre Dividenden dieses Jahr um rund 30 % gekürzt.
Die Aktienkursentwicklung war ebenfalls enttäuschend. Während die globalen Aktienmärkte in den vergangenen drei Jahren zweistellige Renditen erzielt haben, bewegten sich die Kurse von Mercedes, BMW und Volkswagen weitgehend seitwärts.
Trotz hoher Dividenden blieb der Vermögenszuwachs für Anleger überschaubar.
Entscheidend ist der Total Return
Was wirklich zählt, ist nicht die Dividende allein. Sondern die Gesamtrendite, der sogenannte Total Return. Dieser setzt sich zusammen aus der Kursentwicklung und den Dividendenzahlungen.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das. Eine Aktie notiert bei 100 Euro und zahlt fünf Euro Dividende. Die Dividendenrendite beträgt fünf Prozent. Klingt solide. Doch wenn der Kurs im selben Zeitraum um zehn Prozent fällt, steht die Aktie bei 90 Euro. Zusammen mit der Dividende hat der Anleger 95 Euro. Der Total Return ist minus fünf Prozent. Die Dividende hat den Verlust nicht kompensiert. Sie hat ihn nur kaschiert.
Die „Magnificent Seven“: Vermögenstreiber ohne Dividende
Auf der anderen Seite des Ausschüttungs-Spektrums befinden sich die Dividendenverweigerer: Die Gruppe der sogenannten „Magnificent Seven“ – also Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta, Nvidia und Tesla.
Diese Unternehmen haben in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil der globalen Aktienrenditen erwirtschaftet. Gleichzeitig zeigen sie sehr deutlich, wie wenig Dividenden mit Anlageerfolg zu tun haben.
Die Dividendenrenditen dieser Konzerne sind ernüchternd:
- Apple: rund 0,4 %
- Microsoft: rund 0,7 %
- Alphabet und Meta: etwa 0,2–0,3 %
- Nvidia: praktisch null
- Amazon und Tesla: keine Dividende
Im Durchschnitt liegt die Dividendenrendite dieser „Elite-Unternehmen“ bei gerade einmal rund 0,2–0,3 %.
Und dennoch: Genau diese Unternehmen haben in den letzten Jahren enorme Vermögenszuwächse geschaffen.
Warum?
Weil sie ihre Gewinne nicht ausschütten, sondern reinvestieren – in Wachstum, Innovation und Marktführerschaft. Ob Cloud, künstliche Intelligenz oder Plattformökonomie: Das Kapital arbeitet innerhalb der Unternehmen weiter und erzeugt dort höhere Renditen als es bei einer Ausschüttung für den Anleger könnte.
Außerdem nutzen diese Unternehmen Aktienrückkäufe anstatt von Dividenden, um Kapital an ihre Aktionäre auszuschütten. Dazu gleich mehr.
Für Anleger bedeutet das:
Wer sich auf Dividenden fokussiert, blendet oft genau die Unternehmen aus, die den größten Beitrag zum Vermögensaufbau leisten.
Oder anders formuliert:
Die erfolgreichsten Aktien der Welt sind selten die mit den höchsten Dividenden.
Die Dividende ist nur eine Verpackungsform von Rendite. Sie ist nicht deren Quelle. Wer das verwechselt, trifft systematisch die falschen Anlageentscheidungen.
Der steuerliche Nachteil von Dividenden
Ein weiterer Punkt, der in der Dividendeneuphorie regelmäßig ignoriert wird: Dividenden sind steuerlich nachteilig.
Jede Ausschüttung wird sofort besteuert. In Deutschland greift die Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent, ergänzt um den Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent auf die Steuerschuld und gegebenenfalls die Kirchensteuer. In der Summe gehen je nach individueller Situation zwischen 26,375 und knapp 28 Prozent einer jeden Ausschüttung direkt an den Fiskus.
Für einen Anleger mit einem Dividendenaktien-Portfolio von einer Million Euro und einer durchschnittlichen Ausschüttungsquote von vier Prozent bedeutet das: Von 40.000 Euro Bruttodividende bleiben nach Steuern nur rund 29.500 Euro übrig. Über 10.000 Euro fließen jedes Jahr an das Finanzamt, bevor der Anleger überhaupt über eine Reinvestition nachdenken kann.
Wer diese Dividende wieder anlegen möchte, tut das mit deutlich reduziertem Kapital. Jedes Jahr aufs Neue. Der Zinseszinseffekt wird systematisch geschwächt. Über einen Anlagehorizont von 20 oder 30 Jahren summiert sich dieser Effekt zu einem erheblichen Renditeverlust.
Ökonomisch betrachtet wäre es in vielen Fällen vorteilhafter, wenn Unternehmen ihre Gewinne im Unternehmen belassen und dort sinnvoll reinvestieren. Oder sie führen Kapital indirekt an ihre Aktionäre zurück, etwa über Aktienrückkäufe. In den USA ist genau diese Denkweise deutlich verbreiteter als in Deutschland. Unternehmen wie Apple oder Berkshire Hathaway setzen seit Jahren auf Rückkäufe statt auf hohe Ausschüttungen. Nicht aus Geiz. Sondern aus ökonomischer Rationalität. Der Aktionär profitiert über einen steigenden Kurs und kann selbst entscheiden, wann er Gewinne realisiert und damit versteuert.
Warum thesaurierte Gewinne überlegen sind
Wenn Gewinne im Unternehmen verbleiben, entfällt der sofortige Steuerabfluss. Das Kapital arbeitet in voller Höhe weiter. Der Zinseszinseffekt entfaltet seine volle Wirkung, ohne durch jährliche Steuerabzüge gebremst zu werden.
Langfristig führt Thesaurierung fast immer zu besseren Ergebnissen als regelmäßige Ausschüttungen.
Die beste Dividende ist deshalb oft die, die nicht ausgeschüttet wird. Nicht, weil Ausschüttungen grundsätzlich schlecht wären. Sondern weil Kapital, das produktiv im Unternehmen arbeitet, in der Regel mehr Wert schafft als Kapital, das besteuert auf dem Abwicklungskonto landet.
Fazit
Dividenden wirken greifbar. Man sieht Sie auf dem Konto. Das macht sie so beliebt. Und das ist verständlich.
Hohe Dividenden sind aber kein Qualitätsmerkmal. Sie können sogar ein Warnsignal sein. Entscheidend ist immer der Total Return.
Praxisbeispiel: Der DWS Top Dividende ist einer der größten deutschen Aktienfonds. Ich finde ihn in sehr vielen Bank- und Sparkassen-Portfolios, die ich überprüfe. In den letzten 10 Jahren hat sich der Fonds zufriedenstellend entwickelt. Ein einfacher ETF auf den MSCI World hätte 100 % mehr Rendite erzielt. Der DAX hat 30 % mehr Rendite erzielt.
Wer langfristig Vermögen aufbauen will, sollte nicht auf die Höhe der Ausschüttung schauen. Entscheidend ist der Total Return.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
