Verkehrte Welt? Gold stürzt ab


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Veröffentlicht am 22. März 2026

Die Süddeutsche Zeitung hat mich für ihre neue Serie „Depot-Check“ um eine Einschätzung zu einem Privatanleger-Depot gebeten. Der aktuelle Fall: ein Ehepaar, das nach dem Verkauf einer Immobilie in ETFs investiert hat und sich nun fragt, ob es seinen Goldanteil deutlich erhöhen sollte.

Den Artikel können Sie HIER lesen (leider hinter der Paywall).

Zu meiner Einschätzung zu Gold werde ich seit ungefähr einem Jahr regelmäßig gefragt. Meine Antwort ist übrigens immer dieselbe. Diese können sie HIER nachlesen.

Viele Anleger reiben sich derzeit ungläubig die Augen, weil der Goldpreis seit seinem Allzeithoch Ende Januar (5.500 US-Dollar) um circa 20 % auf aktuell 4.500 US-Dollar gefallen ist.

Viele Profis und Privatanleger sind auf dem falschen Fuß erwischt worden

Noch vor wenigen Wochen sah alles eindeutig aus:

  • Konflikt mit dem Iran
  • Eskalation im Nahen Osten
  • steigende geopolitische Spannungen weltweit

Und was passierte? Gold stieg zunächst stark und erreichte neue Höchststände. Das entsprach dem verbreiteten Bild vom sicheren Hafen: Wenn die Welt unsicherer wird, steigt Gold.

Dann kam die Kehrtwende: Ein drastischer Absturz des Goldpreises.

Das klingt paradox. Es ist es aber nicht.

Warum Gold gerade nicht das tut, was viele erwarten

Der entscheidende Punkt: Gold reagiert nicht nur auf Krisen. Es reagiert auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren gleichzeitig:

  • Zinsen
  • Inflation
  • US-Dollar
  • Liquidität

Im aktuellen Umfeld scheinen vor allem zwei dieser Kräfte zu wirken.

Zinsen schlagen Angst

Der Konflikt treibt die Energiepreise und damit die Inflation. Die Reaktion der Notenbanken ist entsprechend: Zinssenkungen sind erst mal vom Tisch. Einige Marktbeobachter erwarten inzwischen sogar, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen könnte.

Das ist strukturell ungünstig für Gold.

Gold wirft keine laufende Verzinsung ab. In einem Umfeld, in dem Anleihen attraktive Zinsen bieten, verliert Gold relativ an Attraktivität. Die  Opportunitätskosten eines Gold-Investments steigen.

Gewinnmitnahmen

Der Goldpreis ist in den vergangenen Jahre stark angestiegen. Viele Anleger sitzen auf satten Gewinnen. In Krisenzeiten sind es häufig die Anlagen, die am besten gelaufen sind, die als erstes abgestoßen werden, um Verluste bei anderen Anlage auszugleichen. Oder um Liquidität zu schaffen.

Was das mit dem Fall aus der Süddeutschen Zeitung zu tun hat

Das Ehepaar im Depot-Check fragt: Soll ich meinen Goldanteil auf 25 Prozent erhöhen?

Ihre Motivation war nachvollziehbar:

  • Unsicherheit
  • Wunsch nach Stabilität
  • Suche nach einem sicheren Anker in turbulenten Zeiten

Gold hat in der kollektiven Wahrnehmung genau dieses Image. Aber genau diese Logik wird aktuell vom Markt ad absurdum geführt.

Gold schützt nicht automatisch vor jeder Krise. Und schon gar nicht kurzfristig. Wer seinen Goldanteil erhöht, weil die Nachrichten bedrohlich klingen, handelt aus einem Narrativ heraus, nicht aus einer Strategie. Und kauft möglicherweise zum Höchststand ein.

Narrative sind keine Strategie

Was wir gerade beobachten, ist ein klassisches Muster:

  • Anleger reagieren auf Schlagzeilen
  • Märkte reagieren auf Mechanismen

Diese beiden Ebenen laufen nicht synchron. Und das erzeugt Fehlentscheidungen:

  • Übergewichtung aufgrund von Angst
  • Einstieg in Gold nach starken Anstiegen
  • falsche Erwartungen an kurzfristige Stabilität

Vielleicht auch ein bisschen Gier und FOMO (Fear Of Missing Out, die Angst, eine Chance zu verpassen).

Der typische Ablauf: Gold steigt nach einem Krisenausbruch stark an. Das Narrativ verfestigt sich. Anleger, die diesen Anstieg verpasst haben, kaufen zu hohen Preisen nach. Dann dreht der Markt. Wer aus Angst eingestiegen ist, sitzt auf Verlusten.

Gold hat seinen Platz. Aber einen anderen, als viele denken.

Das soll nicht heißen, dass Gold keinen Platz im Portfolio verdient. Das Gegenteil ist richtig.

Gold ist nicht sinnvoll als:

  • Renditetreiber
  • kurzfristiges Spekulationsmittel
  • Krisenversicherung für jede Marktsituation

Sondern als:

  • Beimischung
  • Diversifikator
  • psychologischer Stabilisator in volatilen Phasen

Ein Goldanteil von fünf bis fünfzehn Prozent im Portfolio kann unter Umständen durchaus sinnvoll sein. Eine Erhöhung auf 25 Prozent, motiviert durch aktuelle Schlagzeilen, trägt das Risiko in sich, zum falschen Zeitpunkt zu übergewichten. Nur nebenbei: Den Depot-Check habe ich am 29.1. fertiggestellt. Einen Tag nach dem Allzeithoch. 

Die entscheidende Frage ist nicht: Wie viel Gold schützt vor der nächsten Krise? Die entscheidende Frage ist: Welche Rolle soll Gold in einem langfristig ausgerichteten Portfolio spielen?

Was bleibt

Was aktuell wie eine verkehrte Welt wirkt, ist in Wahrheit ein gutes Lehrstück darüber, wie Kapitalmärkte funktionieren.

Gold steigt nicht einfach, weil die Welt unsicherer wird. Es steigt, wenn die strukturellen Rahmenbedingungen stimmen. Zinsen, Dollar, Liquidität. Diese Faktoren entscheiden, nicht die Nachrichtenlage.

Für Anleger bedeutet das eine wichtige Konsequenz: Wer sein Portfolio nach Schlagzeilen ausrichtet, wird immer einen Schritt hinter dem Markt sein. Wer die Mechanismen versteht, trifft ruhigere und bessere Entscheidungen. Und zwar strategische Entscheidungen.

Fazit

Gold kann ein sinnvoller Baustein in einem diversifizierten Portfolio sein. Aber seine Wirkung ist kontextabhängig, nicht universell. Das aktuelle Marktgeschehen zeigt das mit seltener Deutlichkeit: Krise allein reicht nicht. Es zählt das Gesamtbild. Und das Gesamtbild spricht gerade eine andere Sprache, als es viele Schlagzeilen vermuten lassen.

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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