„Die besten Käufe tätigt man oft, wenn man sich am unwohlsten fühlt.“
Börsenweisheit
Buy-and-Hold vs. antizyklisches Investieren
Finanzkrisen sind ein wiederkehrendes Merkmal der Kapitalmärkte. Kriege, Finanzinstabilität, Pandemien oder politische Fehlentscheidungen können starke Kursrückgänge auslösen. Für Anleger sind solche Phasen eine Bewährungsprobe – für Disziplin und Strategie gleichermaßen.
Viele Anleger halten den Druck und das Unwohlsein leider nicht aus und verkaufen, sobald die Kurse fallen.
Im heutigen Beitrag geht um zwei Strategien, die in den vergangenen Jahrzehnten nachweislich besser funktioniert haben:
- Buy-and-Hold, also Kaufen, Halten und Krisen aussitzen.
- Antizyklisches Investieren, also gezieltes Kaufen von Aktien in fallenden Aktienmärkten.
Beide Strategien können sinnvoll und erfolgreich sein. Vorausgesetzt, sie werden konsequent umgesetzt.
Investiert bleiben: Die Buy-and-Hold-Strategie
Die Buy-and-Hold-Strategie bedeutet, ein Wertpapier-Portfolio aufzubauen und es über Marktzyklen hinweg zu halten. Ohne den Versuch, kurzfristige Marktentwicklungen vorherzusagen.
Die Grundidee ist einfach: Trotz regelmäßiger Rückschläge steigen Aktienmärkte langfristig. Volkswirtschaften wachsen. Unternehmen bringen Innovationen hervor. Umsätze wachsen. Gewinne nehmen zu. Die Börsen steigen parallel an.
Die zentralen Prinzipien sind der Aufbau eines global diversifizierten Portfolios, das Ignorieren kurzfristiger Marktnachrichten, regelmäßiges Rebalancing und ein konsequenter Fokus auf den langfristigen Anlagehorizont.
Während einer Finanzkrise bleiben Buy-and-Hold-Anleger investiert. Temporäre Verluste werden als normaler Bestandteil von Aktienanlagen akzeptiert.
Der erste Vorteil dieser Strategie ist ihre Einfachheit. Sie vermeidet taktische Entscheidungen in stressigen Marktphasen.
Der zweite Vorteil liegt in der Vermeidung von Timing-Fehlern. Studien zeigen immer wieder, dass Anleger vor allem durch falsches Timing Rendite verlieren. Viele verkaufen nach Kursrückgängen und steigen erst wieder ein, wenn sich die Märkte bereits erholt haben.
Der dritte Vorteil ist die wissenschaftliche Grundlage. Die Kapitalmarktforschung zeigt seit Jahrzehnten, dass kurzfristige Marktbewegungen extrem schwer vorherzusagen sind. Langfristige Marktbeteiligung ist deshalb meist erfolgreicher.
In der Krise gezielt kaufen: Antizyklisches Investieren
Antizyklische Investoren verfolgen einen anderen Ansatz. Anstatt ihr Portfolio während einer Krise einfach zu halten, erhöhen sie ihre Aktienquote wenn Märkte fallen.
Die Logik dahinter ist nachvollziehbar: Wenn Preise fallen und man billiger einkauft, steigen die erwarteten zukünftigen Renditen. Finanzkrisen bieten daher häufig die Möglichkeit, Vermögenswerte zu deutlich niedrigeren Bewertungen zu erwerben. Quasi ein „Black Friday“ an den Börsen. Die Qualität ist dieselbe, aber der Preis ist für kurze Zeit niedriger.
Antizyklischen Investieren kann auf drei Weisen durchgeführt werden:
- Rebalancing, d. h. in einem Aktien-Anleihen-Portfolio, in dem die Aktienquote durch fallende Kurse gesunken ist, wird das ursprüngliche Mischungsverhältnis wiederhergestellt
- Einsatz von Liquiditätsreserven, d. h. frisches Geld wird eingesetzt
- Erhöhung der Aktienquote
Antizyklisches Investieren versucht somit, Volatilität in Chancen zu verwandeln.
Der erste Vorteil: Investitionen während Kursrückgängen erfolgen zu niedrigeren Bewertungen und bieten potenziell höhere langfristige Renditen.
Der zweite Vorteil: Es findet ein Perspektivwechsel statt. Statt fallende Märkte zu fürchten, werden sie als Kaufgelegenheiten betrachtet. Jede Krise ist immer auch eine Chance.
Oder frei nach Winston Churchill: „Lasse niemals eine Krise ungenutzt.“
Allerdings ist antizyklisches Investieren psychologisch anspruchsvoll. In Phasen negativer Schlagzeilen und fallender Märkte zu investieren erfordert hohe emotionale Disziplin.
Den perfekten Zeitpunkt zum Kaufen zu finden ist unmöglich.
Und es besteht das Risiko, dass man in ein „fallendes Messer“ greift, d. h. nachdem man gekauft hat, fallen die Märkte weiter.
Ohne klare Regeln kann der Ansatz leicht zu spekulativem Market Timing werden.
Regeln statt Bauchgefühl
Der Schlüssel zu erfolgreichem antizyklischem Investieren sind klare Regeln. Nicht Intuition. Nicht Bauchgefühl.
Anstatt zu versuchen, den Tiefpunkt eines Marktes zu erraten, kann ein Investor im Voraus festlegen, wie viel Kapital bei bestimmten Kursrückgängen investiert wird.
Ein mögliches Regelwerk könnte beispielsweise so aussehen:
| Marktrückgang vom Hoch | Maßnahme |
| -10 % | 20 % der verfügbaren Liquidität investieren |
| -20 % | weitere 30 % investieren |
| -30 % | weitere 30 % investieren |
| -40 % | verbleibende 20 % investieren |
Ein solcher Ansatz bietet mehrere Vorteile: Emotionale Entscheidungen werden reduziert, Kapital wird schrittweise investiert, und es wird vermieden, das gesamte Kapital zu früh einzusetzen.
Wie häufig treten große Marktrückgänge auf?
Eine wichtige Erkenntnis für Anleger ist, dass größere Kursrückgänge kein seltenes Ereignis sind. Historische Daten zeigen, dass Rückgänge ein normaler Bestandteil der Aktienmärkte sind.
Die folgende Übersicht zeigt, wie häufig größere Rückgänge in den vergangenen 100 Jahren historisch aufgetreten sind:
| Rückgang vom vorherigen Hoch | Anzahl der Ereignisse | Durchschnittliche Häufigkeit |
| 10 % Korrektur | ca. 40–45 | etwa alle 2–3 Jahre |
| 20 % Bärenmarkt | ca. 15–18 | etwa alle 5–6 Jahre |
| 30 % Rückgang | ca. 8–10 | etwa alle 10–12 Jahre |
| 40 %+ Crash | ca. 4–5 | etwa alle 20–25 Jahre |
Bekannte Beispiele sind die Große Depression der 1930er Jahre mit über 80 Prozent Verlust, der Ölkrisen-Bärenmarkt 1973–74 mit rund 48 Prozent, der Dotcom-Crash 2000–2002 mit rund 49 Prozent, die Finanzkrise 2008 mit rund 57 Prozent und der COVID-Crash 2020 mit rund 34 Prozent.
Diese Zahlen verdeutlichen eine zentrale Erkenntnis: Große Marktrückgänge sind keine Ausnahme. Sie sind ein wiederkehrendes Merkmal langfristiger Aktienanlagen.
Welche Strategie passt zu welchem Anleger?
Welche Strategie sinnvoll ist, hängt weniger von den Märkten ab als vom Temperament, der finanziellen Situation und der Disziplin des Investors.
Buy-and-Hold eignet sich besonders für Anleger, die Einfachheit bevorzugen und in Krisenzeiten nicht noch zusätzliches Drama in ihrem Leben wünschen. Für viele Privatanleger ist Buy-and-Hold mit regelmäßigem Rebalancing die robusteste Strategie.
Antizyklisches Investieren eignet sich eher für Anleger, die emotionale Disziplin besitzen, über Liquiditätsreserven verfügen, klar definierte Regeln einhalten und kurzfristige Verluste tolerieren können.
Fazit
Finanzkrisen sind unvermeidlich. Entscheidend ist, wie Anleger darauf reagieren.
Buy-and-Hold setzt auf Disziplin, Einfachheit und langfristige Marktbeteiligung.
Antizyklisches Investieren versucht, Marktverwerfungen aktiv zu nutzen, indem in Phasen großer Unsicherheit investiert wird.
Die Buy-and-Hold-Strategie ist völlig ausreichend und wird langfristig zu hervorragenden Ergebnissen führen.
Anleger, die etwas abenteuerlustiger und risikobereiter sind und ihre langfristige Rendite erhöhen möchten, können dies mit antizyklischen Investieren erreichen.
Achim TeskeAchim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.
