Strategie schlägt Timing:
Warum der perfekte Einstieg eine Illusion ist


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Veröffentlicht am 26. April 2026

Die dominierenden Themen in den deutschen Medien sind seit dem 28. Februar:

  • der Iran-Krieg
  • die daraus resultierenden hohen Energiepreise
  • die dadurch steigende Inflation und steigende Zinsen

Die deutsche Politik hat auf diese Entwicklungen mehr oder weniger erratisch reagiert.

Die globalen Aktienmärkte sehen diese Themen momentan eher nüchtern bis gelassen.

Der Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar sorgte zunächst für einen klassischen Schock an den Finanzmärkten: steigende Ölpreise, fallende Aktienkurse und eine deutlich höhere Volatilität.

Inzwischen haben viele globales Aktienindizes neue Höchststände erreicht, z. B. der S&P 500, der wichtigste amerikanische Aktienindex.

Das zeigt: Investoren blicken stärker auf Unternehmensgewinne und strukturelle Trends (z. B. KI) als auf kurzfristige geopolitische Risiken.

„Der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen war vor 10 Jahren. Der zweitbeste ist heute.“

Dieses Sprichwort haben Sie vielleicht schon mal gehört. Der Spruch mahnt zur Dringlichkeit. Zum Handeln. Und er betont auch, dass es nie zu spät ist, mit etwas Sinnvollem anzufangen. Besser spät als nie.

Auf die Kapitalanlage umgemünzt lautet die Weisheit:

„Der beste Zeitpunkt zu investieren war vor 10 Jahren. Der zweitbeste ist heute.“

Weniger als 20 % aller Deutschen besitzen Aktien oder Aktienfonds. Obwohl deutlich mehr Menschen wissen, dass Aktien langfristig die beste Form der Geldanlage sind und in den vergangenen 100 Jahre bei weitem die höchsten Renditen aller gängigen Anlageklassen erzielt haben.

Warum ist der Anteil der Aktienbesitzer in Deutschland trotzdem so gering?

Eine perfekte Antwort gibt es nicht. Aber in meiner Erfahrung ist einer der Hauptgründe:

An der Börse ist das Glas meistens halbleer.

Soll heißen: Wenn die Zeiten rosig sind, sind Aktien teuer und Anleger trauen sich nicht zu kaufen, weil sie Kursrückgänge befürchten.

Sind die Zeiten schlecht, das heißt, wir haben eine Krise, trauen sich viele Anleger nicht, Aktien zu kaufen.

So scheint es derzeit vielen deutschen Anlegern zu gehen. Die Nachrichtenlage ist deprimierend. Das schlägt verständlicherweise auf die Stimmung.

Viele Anleger warten auf den perfekten Moment. Auf den nächsten Rücksetzer. Auf bessere Kurse. Oft auch weil Ihnen dies von vermeintlichen Experten so eingeredet wird.

Die Wahrheit: Den perfekten Zeitpunkt zu erwischen gelingt so gut wie niemandem. Weil man ihn nicht zuverlässig vorhersagen kann. Und weil er in der Regel auch sehr schnell vorbei ist. Denn Märkte können sich innerhalb von Minuten komplett drehen.

Das Muster des ewigen Wartens

Ein Muster, das sich bei vielen Anlegern beobachten lässt. Die Kurse sind bereits gestiegen, also wartet man auf eine Korrektur. Die Kurse steigen weiter, also wartet man auf den nächsten Rücksetzer. Dann kommt tatsächlich ein Rückgang. Und plötzlich wirken die Märkte zu unsicher, um jetzt einzusteigen.

Das Ergebnis: Man wartet weiter.

Dieser Kreislauf hat wenig mit schlechtem Timing zu tun. Er hat viel mit menschlicher Psychologie zu tun. Der Wunsch, einen Fehler zu vermeiden, ist stärker als der Antrieb, eine Chance zu nutzen. 

Warum der günstige Moment emotional nicht genutzt wird

Hier liegt ein zentrales Paradoxon. Wenn Kurse stark fallen, sinkt nicht nur der Preis. Es sinkt auch die Risikobereitschaft.

Empirische Untersuchungen zeigen ein konsistentes Bild:

  • In Krisen dominieren Angst und Unsicherheit. 
  • Privatanleger kaufen selten in fallende Märkte hinein.
  • Statt zu investieren, wird abgewartet oder sogar verkauft.

Der günstige Einstieg, auf den man jahrelang gewartet hat, wird in dem Moment, in dem er tatsächlich da ist, emotional nicht genutzt. 

Was Market Timing wirklich bedeutet

Bei der Aktienanlage gibt es zwei Todsünden:

  1. Stock Picking, d. h. der Versuch die Gewinneraktien herauszupicken. Das Problem: Nur circa 4 % aller Aktien sind „Gewinneraktien“ und es ist unmöglich, diese zuverlässig herauszupicken.
  2. Market Timing, d. h. der Versuch, durch gezieltes Kaufen und Verkaufen den bestmöglichen Zeitpunkt Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu treffen. Wer das versucht, muss zweimal richtig liegen: beim Ausstieg und beim Wiedereinstieg. In der Praxis gelingt es kaum jemandem zuverlässig. Nicht privaten Anlegern, nicht den Profis.

Der Grund liegt in der Struktur der Kapitalmärkte. Ein erheblicher Teil der langfristigen Rendite entsteht an wenigen, sehr starken Börsentagen. Diese Tage lassen sich nicht vorhersagen. Und sie folgen häufig direkt auf sehr schlechte Phasen. Genau dann, wenn viele Anleger noch den Sturzhelm aufhaben und lieber abwarten.

Langfristige Untersuchungen bestätigen: Anleger, die kontinuierlich investiert bleiben, erzielen im Durchschnitt bessere Ergebnisse als jene, die versuchen, Ein- und Ausstiegszeitpunkte zu optimieren.

Das Timing-Paradox: Es fühlt sich immer falsch an

Es gibt einen psychologischen Zielkonflikt, der sich kaum auflösen lässt.

Wenn die Stimmung gut ist, sind die Kurse meist bereits gestiegen. Der Einstieg wirkt teuer. Wenn die Kurse niedrig sind, ist die Stimmung schlecht. Der Einstieg fühlt sich riskant an.

Das bedeutet: Es gibt fast nie einen Moment, der sich wirklich richtig anfühlt. Entweder wirken die Bewertungen zu hoch. Oder die Risiken zu groß. Oder beides gleichzeitig.

Wer auf das richtige Gefühl wartet, wartet in der Regel sehr lange. Und zahlt dafür einen Preis.

Oft höre ich, dass Anleger noch abwarten wollen, bis sich zum Beispiel die Weltlage beruhigt hat.

Stichworte: Ukraine-Krieg, Israel-Palästina-Konflikt 2023, Trump-Zolldrama 2025, Iran-Konflikt 2026.

Das Problem dabei: Die Weltgeschichte besteht seit Hunderten von Jahren aus einer endlosen Aneinanderreihung von Konflikten. Die Börsen hat das höchstens temporär gestört. Sie stiegen einfach weiter.

Warum: Weil die Weltwirtschaft stetig wächst und weil es Inflation gibt. Dadurch wachsen die Umsätze und Gewinne der Unternehmen. Und die Gewinne sind der Haupttreiber der Börsen. So ist es es seit über Hundert Jahren und so wird es wahrscheinlich auch weitergehen.

Das eigentliche Risiko: die verpassten Jahre

Über dieses Risiko wird selten gesprochen. Dabei ist es das teuerste.

Wer Jahre damit verbringt, auf den perfekten Moment zu warten, zahlt einen stillen Preis:

  •   Verpasste Marktjahre, in denen Vermögen wächst.
  •   Verpasster Zinseszinseffekt, der mit jedem Jahr stärker wirkt.
  •   Verpasste Vermögensentwicklung, die sich nicht nachholen lässt.

Der größte Fehler ist selten ein schlechter Einstieg. Ein schlechter Einstieg lässt sich mit ausreichend Zeit fast immer ausgleichen.

Der größte Fehler ist: gar nicht investiert zu sein.

Für größere Vermögen wiegt das besonders schwer. Wer etwa eine Million Euro über fünf Jahre aus Vorsicht nicht investiert, verzichtet bei einer durchschnittlichen Jahresrendite von sieben Prozent auf mehr als 400.000 Euro Vermögensentwicklung. 

Struktur schlägt Spekulation

Erfolgreiches Investieren basiert nicht auf Prognosen. Es basiert auf Struktur.

Die entscheidenden Faktoren sind:

  •   Eine klare Anlagestrategie
  •   Eine passende Aktienquote
  •   Ein Anlagehorizont von vielen Jahren
  •   Ein Portfolio, das auch Krisen aushalten kann

Ein solches Portfolio ist wetterfest. Es hält Kursschwankungen aus. Es passt zum persönlichen Risikoprofil. Es verhindert emotionale Fehlentscheidungen, weil es nicht auf gute Stimmung angewiesen ist, um zu funktionieren.

Die Frage „Ist jetzt der richtige Zeitpunkt?“ wird damit zur falschen Frage.

Die richtige Frage lautet: Ist mein Portfolio so konstruiert, dass es zu mir passt und dass es langfristig funktioniert. Unabhängig davon, was die Märkte kurzfristig machen?

Fazit

Den perfekten Zeitpunkt zum Aktienkauf zu treffen ist so gut wie unmöglich. Wenn die Märkte steigen, wirkt der Einstieg zu teuer. Wenn sie fallen, fühlt er sich zu riskant an.

Nicht der Einstiegszeitpunkt entscheidet über den Anlageerfolg. Entscheidend sind Zeit im Markt, Disziplin und eine durchdachte Strategie.

Strategie schlägt Timing. Und Handeln schlägt Warten.

Meine Empfehlung, falls Sie noch keine Aktien haben: Springen Sie ins Wasser. Es wird nicht wärmer.

Wenn Sie in einigen Jahren in Ihr Depot schauen werden Sie sich wahrscheinlich über schöne Gewinne freuen. Und stolz darauf sein, dass Sie es getan haben.

Achim Teske Achim Teske

Achim Teske ist einer von nur rund 200 echten unabhängigen Honorar-Anlageberatern in Deutschland. Der Bankkaufmann und Diplom-Kaufmann hat 16 Jahre für globale Investmentbanken gearbeitet, darunter 10 Jahre in London und 6 Jahre in Singapur. Zuletzt war er Managing Director und Leiter des Portfolio Managements für Asien-Pazifik. Seit 2017 ist er Honorarberater. 2019 wurde er in den DIN-Normenausschuss für Finanzdienstleistungen berufen.

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